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Pearson's Preview

Borgens Vorhang lüften

Borgens Vorhang lüften

von Joseph Pearson

10. Februar 2016

Die drei Staffeln der dänischen Miniserie »Borgen« (2012-2013) waren gelinde gesagt ein Überraschungserfolg. Wie kann es sein, dass ein Drama über die Koalitionspolitik eines winzigen Staates das Publikum in 75 Ländern begeistert hat? Dabei war es nicht das politische Gerangel, das die Menschen berührte, sondern der moralische Kosmos der Serie. Die Serie bezieht ihre Spannung vor allem aus der Frage, ob es der Premierministerin Birgitte Nyborg gelingt, unbeschmutzt aus den korrumpierenden Einflüssen der Macht hervorzugehen und dabei erfolgreich Mensch zu bleiben.

Der Regisseur Nicolas Stemann sagt: »Es ist nicht so, dass nur Borgen sehr erfolgreich war, sondern politische Serien im Allgemeinen. Interessant ist, dass das gerade in dem Moment passiert, wo wir den Glauben an Politik und Demokratie verlieren, Diskussionen über »Postdemokratie« führen und uns fragen, ob es eigentlich die Politiker sind, die Macht haben, oder ob diese Macht an Wirtschaftsinteressen gekoppelt ist. Ist es möglich, in die Politik zu gehen, und Ideale und Raum zum Verhandeln zu haben? Da die Weltprobleme immer dringlicher werden, kann man nur hoffen, dass die Politik die Dinge wieder in die richtige Spur bringt. Aber wenn man nicht mehr an wirkungsvolle Demokratien glauben kann, sucht man seine Hoffnung eher im Fernsehen. Ich glaube, das ist überhaupt der Grund für den großen aktuellen Erfolg von Politserien.«

Es wäre falsch, jetzt nicht auch die andere politische Dramaserie der letzten Zeit zu erwähnen, die die Zuschauer in ihren Bann gezogen hat: »House of Cards« mit ihrem shakespearehaften Unterton (Kevin Spaceys berühmter Ausspruch in einem Interview im vergangenen Jahr besagte, dass die Serie ohne »Richard III.« nicht existieren würde). Das heimliche Vergnügen bei »House of Cards« liegt darin, dem Protagonisten dabei zuzusehen, wie er aufsteigt und die Macht dann mit ruchlosen Methoden zu erhalten sucht. Der moralische Kosmos von Borgen ist das Gegenteil von »House of Cards«. Was beide gemeinsam haben, ist das klare moralische Zentrum, aber in Borgen gibt die Premierministerin ihr Bestes, um sich nicht korrumpieren zu lassen.

»Borgen stellt uns eine positive politische Persönlichkeit zur Verfügung«, erklärt Stemann. »Der Autor hat das Drehbuch ausdrücklich mit dieser Absicht geschrieben: Wir möchten den Zuschauern ihren Glauben an Politik und Demokratie zurückgeben, zeigen, dass es idealistische Politiker gibt und eine Führungsfigur schaffen, zu der wir eine starke Verbindung spüren. Das auf die Bühne zu bringen, zu fragen, ob das wirklich der Fall ist, war für uns interessant.«

Wir identifizieren uns mit Birgitte, gerade weil sie unbeschadet aus jeder moralischen Herausforderung hervorgeht. Sie überlebt die ständigen Tests von korrupten Politikern, Presse und Spin-Doktoren (ihr Widersacher Lars Hasselboe ist die Inkarnation solcher Manipulationen). Und, so Stemann, »wenn sie nicht erfolgreich wäre, würden wir unser Mitgefühl für sie verlieren. Und die Serie würde Zuschauer verlieren. Sie muss eine positive Figur bleiben.«

Wenn man nur sagen könnte, dass ihr Familienleben genauso erfolgreich wäre. Ich frage: »Ist Borgen nicht eher eine konservative Moralgeschichte darüber, dass Frauen nicht in die Politik gehen können, ohne sowohl ihr Familienleben als auch ihre Liebesbeziehungen zu zerstören? Sind wir nicht inzwischen eher daran gewöhnt, dass Karrieremänner ihre Familien enttäuschen?«

Stemann nickt und erzählt, dass ihn diese Frage besonders interessiert, weil er in einer Beziehung lebt, in der beide Partner ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie herstellen müssen. »Je mehr Frauen in die Politik gehen, desto klarer rückt dieses Problem in den Mittelpunkt. Ich denke nicht, dass dieser kritische Punkt in der Serie ordentlich erklärt wird; die Realität wird vom Tisch gefegt. Wir fangen mit der Haltung an: ›Wir sind in Skandinavien, natürlich kann eine Frau alles haben‹, aber wir stellen schnell fest, dass der Ehemann tatsächlich gar nicht bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Die Frage ist nicht, ob Frauen an diesem System partizipieren sollten, sondern wie inhuman dieses System ist, wenn ein normales Familienleben nicht damit vereinbar ist. Die Schlussfolgerung sollte keine antifeministische Position sein, sondern eine die fragt, wie unsere Karrieren aufgebaut sind.«

Jetzt schon finden wir Löcher in Borgen, stellen den narrativen Dreh, die kristallklare moralische Fabel der Serie in Frage. Geht man durch die Tür zum Probenraum, sieht man einen langen Tisch, auf dem Sektgläser, eine Dose mit dänischen Keksen, ein Lautsprecher, ein kompaktes altmodisches Telefon und theoretische Texte zur Postdemokratie ausgebreitet sind. Es ist ein Arbeitsraum für diese Befragung. Drumherum tauschen die Darsteller ständig ihre Rollen – stülpen sich Perücken und Ausdrücke über, wechseln die Charaktere – als ob sie verschiedene Perspektiven ausprobieren wollten. Währenddessen führt Stemann stehend Regie, an einem Klavier, auf dem er von Zeit zu Zeit spielt, um den Prozess voranzubringen. Das mitreißende musikalische Thema der Serie schwillt an – es kommt mir vor wie eine weitere Verzauberung, die verbannt werden soll. Eine Stimme ruft: »Erste Staffel, Episode vier!« Die Amerikaner nutzen Grönland, um Gefangene nach Guantanamo zu verfrachten. Premierministerin Birgitte Nyborg fliegt in das zu Dänemark gehörende Land, um in dieser Angelegenheit nachzuforschen – im schmerzlichen Bewusstsein ihrer kolonialistischen Position, aber auch mit dem Wunsch, dieser außerordentlichen Ungerechtigkeit entgegenwirken zu können.

Die Schauspieler erzählen die Handlung von Borgen auf der Bühne, aber dann gibt es einen Bruch. Die Premierministerin unterbricht sich selbst, mit einem Moment der Selbstanalyse vor einer großen Videoleinwand, auf die das Bild ihres Serien-Charakters projiziert wird. Sie stellt Fragen wie »Warum sind wir hier? Warum sollte es mich kümmern, was wir hier tun? Sollten wir nicht lieber über den Krieg in Syrien reden?«

An dieser Stelle zeigt sich vielleicht, welchen Beitrag eine Bühnenversion von Borgen leisten kann: als ein Arbeitsraum für Fragen nach dem Narrativ, nach Identität und politischen Handlungen. Es war natürlich nie geplant, die gesamten 30 Stunden der Serie nachzuspielen. Stattdessen sehen wir Dokumentation, Analyse und die Befragung von moralischen Koordinaten. Stemanns Borgen ist eine Übung in Subjektivität und befragt die Autorität der Serie als eine Erzählung über politische Integrität. Mit der Dekonstruktion der gezielten Meinungsmache lüftet die Produktion einen weiteren Vorhang.

»Die Möglichkeit des Theaters – wozu wir sogar verdammt sind – ist, das wir hier nicht in der Lage sind, die oberflächliche Realität einer Fernsehserie zu reproduzieren«, sagt Stemann. »Man sieht immer, dass es fragmentiert ist, dass es nicht zusammenhält, dass hier für uns eine Realität produziert wird. Und das eignet sich dazu, uns auf die Geschichten aufmerksam zu machen, die uns aus ideologischen Zwecken von Politikern verkauft werden. Wir können hier die Frage stellen, welche Ideologie hinter der Serie Borgen steht.«

Das Team hat die Mechanismen dieser Meinungsmache sehr ernstgenommen. Überall am Set sehe ich Bücherstapel über Lobbyismus, europäische Politik, rechts- und linksgerichtete Programme für und gegen Demokratie. Stemann berichtet, dass sie Lobbyisten eingeladen haben, um den Schauspielern die Möglichkeit zu geben, deren Arbeitsmethoden näher kennenzulernen. Da Lobbyisten ja schließlich Individuen in der Wirtschaft und Politik dazu ausbilden, gute Schauspieler zu sein, ist ihre Anwesenheit im Probenraum vielleicht gar nicht so überraschend. Das Theater wird ein Ort, an dem ihre Auftritte enthüllt werden.

»Wir haben einige Berater eingeladen, um über die üblichen Klischees hinaus Verständnis für ihre Arbeit zu entwickeln. Wir hatten einen relativ guten Eindruck davon, wie sie in der Serie porträtiert werden, aber wir wussten nicht, wie sie wirklich operieren. Was uns besonders überrascht hat, war, wie angenehm diese Leute waren. Einer von ihnen arbeitet für große Unternehmen wie Coca Cola, Google und Nestlé. Am Anfang haben wir uns gefühlt, als würden wir ›dem Feind‹ gegenübersitzen, aber innerhalb kürzester Zeit hat er uns mit seinem Charme komplett für sich eingenommen. Seine Position war, dass es einfach ein Teil von Demokratie ist, Einfluss auszuüben. Er hat angemerkt, dass ja auch NGOs Einfluss ausüben. Ich teile diese Meinung nicht; Ich glaube, dass der Lobbyismus ein enormes Problem darstellt … Am Ende unserer Vorbereitungen haben wir herausgefunden, dass unser Versuch, hinter den Vorhang zu gucken, uns letztlich dazu gebracht hat, den Vorhang selbst anzugucken. Wir haben nichts Konkretes herausgefunden, was wir nicht schon vorher wussten, deswegen haben wir uns dem Prozess der Herstellung gewidmet.«

Wir beenden unser Gespräch und ich denke darüber nach, dass wir den Mythos von nicht-korrumpierter Politik möglicherweise nach wie vor brauchen. Vielleicht wird die Serie Borgen, die unser Verhältnis zu Demokratie und unsere Hoffnungen darauf untersucht, in Stemanns Worten »unsere letzte Hoffnung, dass es in der Politik noch Gutes gibt.«
Ich erzähle ihm, dass laut Untersuchungen die Serie dazu geführt hat, dass sich in Dänemark wieder mehr Menschen politisch beteiligt haben. Doch wenn wir heute nach Dänemark schauen, ist die politische Situation dort ziemlich beängstigend.

»Kurz nach der Ausstrahlung der zweiten Staffel wurde in Dänemark die Vorsitzende einer linksgerichteten Partei zur Premierministerin gewählt [Helle Thorning-Schmidt]. Aber das hielt nicht sehr lange«, erzählt Stemann. »Die Tragödie der Serie ist die erklärte Absicht des Autors, der an die Demokratie glaubt. Die Herausforderungen der Flüchtlingspolitik, der rechten Politik, sind schon in der ersten Staffel präsent. Und in Borgen wird die Premierministerin gewählt, um diese Themen gerecht zu behandeln. Aber das ist natürlich eine Erfindung der Drehbuchautoren. Vor kurzem hat Kofi Annan einen offenen Brief verfasst, der den furchtbaren Zustand der Flüchtlingspolitik in Dänemark kritisiert. In Retrospektive scheint Borgen mehr und mehr wie ein Märchen. Aber diese Art der Tragödie ist im Endeffekt gut fürs Theater. Dann gibt es eine Fallhöhe.«

Aus dem Englischen von Maren Dey und Franziska Lantermann


Borgen

nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm
Fassung von Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann




Pearson's Preview




About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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Februar 2016

Borgens Vorhang lüften

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