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Pearson's Preview

Poesie, die unsere Bequemlichkeit zertrümmert. Angélica Liddell’s »Toter Hund in der Chemischen Reinigung«

Poesie, die unsere Bequemlichkeit zertrümmert. Angélica Liddell’s »Toter Hund in der Chemischen Reinigung«

von Joseph Pearson

14. März 2017

Als ich die Probebühne betrete, stehen die Schauspieler im Kreis und machen Yogaübungen, um sich und ihre Stimmen aufzuwärmen. Ich meine genug über Liddells Arbeiten zu wissen, um mir ausmalen zu können, warum die Schauspieler sich mit Yoga auf den Durchlauf vorbereiten. Die folgende Performance wird die Ruhe durchbrechen, sie wird eine physische und intellektuelle Herausforderung sein.

Mein Blick wandert zur Bühne, wo – düster und im krassen Gegensatz zu den geschmeidigen athletischen Körpern – eingefallene, gelbe Puppen auf einem roten Samtsofa liegen. Sie sehen entmutigend nach chemisch gereinigten Menschen aus. Und das würde mich nicht überraschen bei einer Produktion mit dem Titel »Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken«. Die spanische Regisseurin Angélica Liddell sitzt unterdessen seelenruhig, sogar mit einem Lächeln im Gesicht, am Rand. Die Schauspieler betreten die Bühne und beginnen, mit Äxten auf Möbel einzuschlagen. Und das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was passieren wird.

Angélica Liddell ist an der Schaubühne bereits bekannt. Beim FIND 2014 präsentierte sie ihre unvergessliche Arbeit »Todo el cielo sobre la tierra (El sindrome de Wendy)«, und bot eine ebenso elektrisierende wie erschreckende Performance. Die Themen – Gewalt, Misogynie, sklavenartige Beziehungen zwischen Frauen und Männern – waren schonungslos, die Handlung zum Teil auf der norwegischen Insel Utøya angesiedelt, dem Ort des Massakers von Anders Behring Breivik.

»Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken« wurde in Madrid uraufgeführt, eröffnet nun aber als hauseigene Premiere inszeniert mit Mitgliedern des Ensembles das FIND-Festival an der Schaubühne. Die Protagonisten sind ein zusammengewürfelter Haufen: ein Hund namens Rameau (mit unerbittlicher Entschlossenheit gespielt von Damir Avdic), der Besitzer der chemischen Reinigung Octavio (Ulrich Hoppe), seine Schwester, die Prostituierte Getsemaní (Iris Becher), eine pädophile Lehrerin (Veronika Bachfischer), der Museumswärter Lazar, der unter Panikattacken leidet (Lukas Turtur), und der Spielmeister Combeferre (der unnachahmliche Renato Schuch, der hier sowohl in Sportkleidung als auch in schwarzer Spitze auftritt).

»Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken« zeigt Europa in einer dystopischen Zukunft, in der es keine Verbrechen, aber auch keine Migranten mehr gibt. Das Stück beleuchtet einen gesellschaftlichen Zwangsvertrag, der Persönlichkeiten beherrscht und zerstört. Die Produktion trägt den Untertitel »die Starken«, eben weil sie sich mit Schwäche beschäftigt – wie Liddell später erklärt: »Der Staat verlangt nach Gehorsam und Disziplin der Individuen und übt eine Macht aus, auf die kein Mensch vorbereitet ist«. Diese erschreckenden, widersprüchlichen Kräfte sind es, die hier auf der Bühne erscheinen, in dieser Schaubühnen-Produktion, die ein Festival eröffnet, dessen Thema »Demokratie und Tragödie« ist.

Das Publikum wird vielleicht denken, dass dieses Projekt, in dem nationale Unterschiede und Sündenböcke eine Rolle spielen, direkt als Antwort auf die Flüchtlingskrise in Europa, die 2015 ihren Höhepunkt erlebte, entwickelt wurde. Liddell nennt diese Ereignisse »Völkermord durch Unterlassung«. »Die Ära der Migration, als deren Resultat sich hunderte von Leichen über Land und Wasser verteilten ... die erste Tragödie der Demokratie im 21. Jahrhundert, diese spiegelbildlich mythische Reise, in deren Verlauf Menschen beim Erreichen unserer Küsten zugrunde gehen. Ich bin immer davon ausgegangen, dass wir für diese unterlassene Hilfeleistung, für die nicht wahrgenommene Verantwortung, bezahlen werden.«

Aber Liddell hat den Text zu »Toter Hund« nicht 2015 geschrieben, sondern mehr als zehn Jahre zuvor, als die US gerade in den Irak einmarschierten. Liddell erzählt: »Über Europa schwebte damals noch nicht die ständige Angst vor dem Terror, und so ist mein Stück quasi zu einer Prophezeiung geworden.« Tatsächlich sagt ihre Arbeit voraus, wie Migranten und Flüchtlinge für Europas selbstgemachte Probleme verantwortlich gemacht werden.

Aber es wäre stark vereinfachend Liddells Arbeit nur als Versuch zu sehen, die Zukunft vorherzusagen. Wie sie selbst anmerkt: »Ich schreibe keine politische Fiktion, denn die Welt entwickelt sich ja tatsächlich in eine bestimmte Richtung, denn alles, was Menschen sich vorstellen können, kann auch passieren. Wir können uns nur Dinge vorstellen, die möglich sind. Sogar Gott hat menschenähnliche Züge. Sich einen Staat vorzustellen, in dem keine Kriminalität mehr existiert, weil alle Feinde ausgerottet worden sind, bedeutet nicht, dass das auch die Richtung ist, in die sich die Gesellschaft entwickelt. Es existiert gewissermaßen schon, als eine Möglichkeit, weil Menschen es sich so vorgestellt haben.«

Die Produktion ist voller subtiler Anspielungen auf die französische Kulturgeschichte: Der Name Combeferre, eine Figur, die aus Victor Hugos »Les Misérables« bekannt ist, ist auf ein Fußballtrikot gedruckt. Es gibt Hinweise auf die Arbeiten von Diderot. Liddell erzählt mir, dass ihr Interesse für das Frankreich des 18. Jahrhunderts daher stammt, dass dort die Grundlagen und Legitimationen für moderne Demokratien gelegt wurden. Deswegen spielt sie besonders auf Rousseaus »Gesellschaftsvertrag« an.

»Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken« baut eine Reihe von krassen Gegensätzen zum Thema europäische Zivilisation auf. Auf der einen Seite hört man Musik von Jean-Philippe Rameau oder sieht Jean-Honoré Fragonards Rokoko-Gemälde »Die Schaukel« im Hintergrund. Auf der anderen Seite ist die Figur Rameau im Stück ein axtschwingender Hund, und Fragonards Gemälde wird in einem Moment verstörender Gewalt zum Leben erweckt.

Ich bitte Liddell, näher auf diesen Kommentar zur europäischen Kultur und Kulturproduktion einzugehen, und sie erklärt: »Ich möchte die Zuschauer mit dem Bedürfnis nach Poesie konfrontieren; ich möchte ihr Geborgenheitsempfinden unterwandern. Oft steht Kunst für einen Ort der Bequemlichkeit, der Künstler – in diesem Fall der Narr – ist damit beschäftigt diese Komfortzone zu zerschlagen. Der Zuschauer fühlt sich natürlicherweise immer überlegen, nimmt eine erhabene Position ein. Wenn es dem Narren gelingt, diese Maske zu zerstören, bringt er die Sicherheit, die Überlegenheit des Zuschauers aus dem Gleichgewicht. Die Kultur ist näher am Müßiggang, an der Unterhaltung, als an der Poesie. Poesie allein vermag es, uns in einen Konflikt mit uns selbst zu bringen. Ich möchte, dass das Publikum alles anzweifelt, absolut alles: sich selbst, das Theater, die Kultur, Europa, seine Überzeugungen. Es ist ein Sokratisches Unterfangen. Manchmal denke ich, Europa geht an Langeweile zugrunde. An Konformität. An Zufriedenheit. Es ist ein Überdruss. Überdruss. Kultur befriedigt Langeweile. Aber, wie Thoreau sagt, Poesie reißt das Herz des Lebens aus dem Mutterleib, wie ein Indianer einen Skalp ausrupft. Ich möchte, dass die Zuschauer ein Verlangen nach Poesie erleben«.

Auch die Musik ist verführerisch – ob es jetzt Rameau, Bowie oder Radiohead ist – und tut das ihrige. Ein Song der letzteren, sagt Liddell »ist einer der schönsten, die je geschrieben wurden: diese armen Figuren verdienen ihn«. Liddell vergleicht ihre Arbeit mit dem Tanz – eine Komposition mit musischem Rhythmus – eine Choreographie, die im Vorhinein an Hand eines Storyboards sorgfältig ausgearbeitet wird. Sie arbeitet normalerweise nicht mit Improvisation und erzählt: »Am Anfang war es glaube ich ziemlich befremdlich für die Schaubühnen-Schauspieler, die daran gewöhnt sind, zunächst gemeinsam am Tisch zu sitzen und zu diskutieren. Ich arbeite zuerst mit Körpern. Ich behandele sie wie Tänzer. Ich stelle meine Choreographie vor und die Schauspieler müssen innerhalb dieser ihre Intentionen und Gefühle entwickeln. Ich warte immer darauf, dass die Schauspieler eine Bedeutung finden, ohne ihnen irgendetwas zu erklären. Mit den deutschen Schauspielern war es anders, sie haben jede Menge Fragen gestellt und wollten alles von Anfang an verstehen. Ich habe wesentlich mehr psychologische Arbeit geleistet, als ich es normalerweise tue. Und tatsächlich war das sehr spannend für mich, weil ich Dinge in meiner eigenen Arbeit entdeckt habe, die ich nicht kannte, Dinge, die in meinem Unterbewusstsein vorhanden waren und die ich, dank der Schauspieler, jetzt definieren konnte. Ich habe fast das Gefühl, dass sie mich geleitet haben. Auf jeden Fall habe ich es sehr genossen«.

Mehr als alles andere – und das ist es auch, was ich an Liddells Inszenierungen so schätze – ist das Ergebnis kompromisslos in seiner Experimentierfreude und herausfordernd für die Zuschauer, die eine lineare Geschichte und eindeutige Erklärungen erwarten. Zuletzt frage ich sie: »Inwiefern ist deine Art des Erzählens die beste Form für deine Geschichten?«

Und sie antwortet: »Die große Herausforderung ist zu entscheiden, wie viel Informationen man preisgeben will und wie viel man abzieht, welchen Teil der Geschichte man nur über Hinweise für den Zuschauer rekonstruierbar machen will, so als ob man einen Leichnam zusammensetzt, der ausgenommen und gevierteilt wurde. Vor allem vermeide ich Erklärungen. Mir graut es vor ihnen. Ich schlage Symbole vor – beinahe im mittelalterlichen Sinne – die dem Unbeschreiblichen Bedeutung verleihen. Das Unbeschreibliche bereitet mir Kopfzerbrechen. Ich sehe meine Arbeiten als lange Reisen in unentdeckte Länder, bei denen jeder Halt dem vorherigen Sinn verleiht. Das bedeutet, die Szenen machen in ihrer Entwicklung Sinn, manchmal erst ganz am Ende. Meine Stücke sind Organismen, geflutet von Blutgefäßen, die das Unterbewusstsein nähren. Das Wichtigste ist, diese Verbindungen zu bauen, oder solide Codes zu etablieren, die ein Rätsel beschreiben. Nicht um es zu lösen, sondern um es zu hinterfragen. Im Endeffekt wird alles von der ästhetischen Struktur zusammen gehalten.«

Aus dem Englischen von Franziska Lantermann


Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken

von Angélica Liddell
Regie: Angélica Liddell




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About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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