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Professor Bernhardi: Von Mobbing, Machenschaften und Überleben

Professor Bernhardi: Von Mobbing, Machenschaften und Überleben

von Joseph Pearson

19. Dezember 2016

Während ich an einem regnerischen Dezember-Nachmittag vom Adenauerplatz zur Schaubühne laufe – in einem Wetter, das Kälte und Nässe zu einem entmutigenden Gemisch vereint – schwanke ich zwischen Niedergeschlagenheit und Hoffnung. Die Niederlage der Rechten bei der Österreichischen Bundespräsidentenwahl am Vortag macht mir Mut. Gleichzeitig denke ich aber auch über Arthur Schnitzlers 1912 verfasstes Stück »Professor Bernhardi« nach, das in einem österreichischen Krankenhaus spielt und dessen Thema ein politisch verwertbarer Antisemitismus ist. Der Vorsprung bei der Wahl in Österreich war mit 6,6% ziemlich klein, oder? Und auch der Wahlausgang in Frankreich oder Deutschland ist ungewiss. Plötzlich drehe ich mich um und muss blinzeln: War das gerade etwa Frauke Petry, hier am Kurfürstendamm? Nein, sie würde sich im Leben nicht auch nur in der Nähe der Schaubühne blicken lassen.

Ich treffe Thomas Ostermeier, ganz in schwarz gekleidet, vor dem Theater. Wir frieren beide; um mich warm zu halten, springe ich leicht auf und ab. Ich mache ein bisschen Small-Talk und fühle mich dabei sehr Nord-Amerikanisch. Als Antwort auf meine Frage schüttelt Ostermeier nur den Kopf. »Ob alles in Ordnung ist? Der Tag heute ist extrem wichtig: die erste Durchlauf-Probe auf der großen Bühne. Für die Schauspieler psychologisch bedeutsam. Wir haben eine Pflanze gegossen, sie ist gewachsen, und nun sind wir an dem heiklen Punkt angelangt, wo sie erblühen muss.«

Die Handlung ist folgende: Professor Bernhardi – gespielt von Jörg Hartmann, der nach längerer Pause wieder Teil des Schaubühnen-Ensembles ist – leitet eine Klinik. Nachdem er einem Priester aus medizinischen Gründen untersagt hat, einer jungen Patientin die letzte Beichte abzunehmen, wird seine Führungsposition in Frage gestellt. Als Bernhardis Eingreifen zum Politikum hochstilisiert und als religiös motiviert bezeichnet wird (Bernhardi ist Jude), nutzen Kollegen und Politiker dies als Chance, ihn seiner Position zu berauben; Antisemitismus wird für den politischen Machtkampf genutzt.

Der Ort der Handlung hat sich wohl aus persönlichen Erfahrungen von Schnitzler und seinem Vater ergeben, die beide als Ärzte im Krankenhaus gearbeitet haben; zu Beginn des letzten Jahrhunderts gab es zahlreiche assimilierte jüdische Ärzte in Wien. Die Uraufführung musste 1912 in Berlin stattfinden, weil das Stück in Österreich-Ungarn der Zensur zum Opfer fiel und religiöse Autoritäten verärgerte.
Die im Stück gezeigten Mechanismen ahnten die systematische Verdrängung von Juden von offiziellen Posten in Deutschland im Jahr 1933 voraus. Aber es ist auch nicht schwer, Parallelen zur heutigen Situation zu ziehen. Ein ähnlicher Mechanismus greift auch, wenn schutzbedürftige Flüchtlinge, Muslime, Homosexuelle, ethnische und andere Minderheiten für politische Vorteile instrumentalisiert werden.

Denjenigen, die mit dem Schaubühnen-Repertoire vertraut sind, wird auffallen, dass »Bernhardi« in gewisser Weise eine Fortsetzung von »Ein Volksfeind« sein könnte, insofern es dieselbe Mob-Mentalität als Kammerspiel inszeniert. Aber Ostermeier erklärt: »Diese Stück präsentiert keinen idealtypischen Helden, der sich gegen die Autoritäten zu Wehr setzt, wie in »Ein Volksfeind«, es zeigt vielmehr die viel üblichere Geschichte von jemandem, der von höheren Mächten zu Fall gebracht wird. Was mich interessiert hat war die Arbeitswelt. Die meisten Stücke beschäftigen sich mit Liebe oder Tod, aber es gibt kaum welche, die sich mit Machtstrategien, Mobbing, Intrigen, Wettbewerb und Überleben im Arbeitskontext beschäftigen«.

Während wir durch die Kassenhalle das Gebäude betreten, habe ich das Bedürfnis ihn etwas zu fragen, was mich gerade beschäftigt: Was ist die Herkunft dieser Epidemie des politischen Hasses, was könnte eine Prophylaxe sein, oder sogar Heilung versprechen? Ist Europa der Nährboden, liegt es in der Luft? Haben wir es mit Gesinnungen zu tun, die sich wie Krankheiten ausbreiten?

Ostermeier erzählt: »Das Stück untersucht sein Thema wesentlich detailreicher, subtiler und komplexer als eine Agitprop-Performance es tun würde. Das ist eine eher soziologische Annäherung. Die Leute im Stück sind keine so genannten ›biologischen Antisemiten‹; sie handeln nicht aus einem Gefühl von Hass heraus, sie nutzen den Hass nur für ihre eigene Agenda. Das ist leider im heutigen Europa allgegenwärtig… Nur 10 Prozent der Bevölkerung mögen Rassisten sein, gefährlich wird es, wenn der Rest von uns sich von diesen Ideen infiltrieren lässt«.

Wir hasten in Saal B, für die wichtige Durchlaufprobe. Als wir drinnen sind zeigt er nach links: »Setz dich in eine der vorderen Reihen, da ist die Lautstärke am besten«. Und als ich mich in den Sitz fallen lasse, entfaltet sich vor mir das szenische Tableau.

Professor Bernhardi lädt uns dazu ein, wie Ärzte zu denken und außerdem ihre Beschränkungen wahrzunehmen. Eine Produktion in weiß, Bühne und Kostüme in weiß. Wir sind im Labor. Orte und Namen überziehen die Petrischale, vervielfältigen sich und brechen auseinander, wie auch die Cy Twombly-haften Worte, die die Künstlerin Katharina Ziemke während der Aufführung zeichnet.
Schnitzler hat sein Stück als »ernste Komödie« bezeichnet, und tatsächlich sind die undurchsichtigen Hierarchien des Krankenhauses teilweise absurd, ganz im Gegensatz zur Brutalität des Sterbens, an das die meisten Ärzte sich bereits gewöhnt haben. Die Diensteifrigkeit, mit der Bernhardi seiner Position entledigt wird, wird begleitet von einer Projektion bürokratischer Tabellen, Schreibutensilien und Stapeln von Papier.

Der Schauplatz Krankenhaus bietet sich an für Metaphern. Medizinische Debatten dieser Zeit behandelten häufig das Aufkommen von Spezialisierungen und die Auslöschung ganzheitlicher Therapieansätze. Vielleicht kommt die Betrachtung des Stücks, dass Bernhardi letztlich ein »Narr« ist daher, dass er denkt, es würde ausreichen, das aus seiner Sicht Richtige zu tun. Er ist nicht in der Lage, seine persönliche Tragödie als größeres politisches Ereignis zu sehen. Er ist Spezialist für Organe, nicht für den ganzen Körper.

»Ich versuch es mal in einem Satz: wie kann man in politischen Zeiten Humanist sein, ohne politisch zu sein? Bernhardi sieht das große Ganze nicht. Da muss ich an das Adorno Zitat ›Es gibt kein richtiges Leben im Falschen‹ denken. Bernhardi versucht, ein richtiges Leben im Falschen zu haben. Das ist das Unglück des 20. Jahrhunderts. Als sich der Faschismus in Deutschland verbreitete haben sich auch viele Intellektuelle und Künstler versucht rauszuhalten. Sie haben die Gefahr unterschätzt.«

»Gleiches gilt für die Gefahr, in der wir momentan leben, wie es auf schreckliche Weise auch für die Juden in Deutschland galt. Das betrifft auch ethnische Minderheiten, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Künstler, Journalisten und so weiter. Das Stück sollte also als Warnruf berachtet werden. Die Frage ist: wie weit sind wir schon in unseren europäischen Gesellschaften? Sind die Gesellschaften Ungarns, Polens oder Dänemarks schon wie die Gesellschaft in Schnitzlers »Bernhardi«?«

Ich lehne mich zurück und schaue weiter zu. Der Durchlauf wird kaum unterbrochen, und das zwei Wochen vor der Premiere. Ich kenne natürlich Ostermeiers Ruf als jemanden, der sich die Zeit nimmt, etwas wirklich rund zu machen, aber ich bin dennoch überrascht. Hier wird nichts dem Zufall überlassen.

»Wir sind an dem Punkt, an dem wir die Lautstärke, die Spannung, die Spitzen und die leisen Töne justieren«, sagt Ostermeier. »Alle Achtung«, antworte ich, »die meisten Regisseure erledigen das schnell in den Tagen vor und nach der Premiere«. »So ein Regisseur bin ich nicht«, anwortet er.

Eine Sache, die sofort offenbar wird, ist Ostermeiers induktiver Regiestil (für mehr Informationen darüber lohnt es sich, das Kapitel über Regieführen in Peter Boenischs Buch »The Theatre of Thomas Ostermeier« zu lesen).
Im Gegensatz zu deduktiven Regisseuren, lässt Ostermeier seine Regie-Entscheidungen vom Text leiten, anstatt dass er einen Text seinem Regiestil unterordnet. Der Text von »Professor Bernhardi« ist in dieser Inszenierung, die vor langen Betrachtungen nicht zurückschreckt, zentral. Er erlaubt es, feine Interaktionen auszubreiten und fordert das Publikum heraus. Der Zuschauer muss entschleunigen und zuhören, er muss still sitzen, als ob eine Operation stattfinden würde.

Nach der letzten Szene, als das Licht langsam ausblendet – um nicht zu viel zu verraten – habe ich speziell einen Höhepunkt der Inszenierung im Kopf, der mich an die Unruhen, denen unser heutiges Europa ausgesetzt ist, denken lässt. Gegen Ende des Stücks tritt der Priester Bernhardi gegenüber und erklärt, dass der Arzt aus medizinischer Sicht völlig richtig darin gehandelt hat, ihm den Zugang zu der sterbenden Patientin zu verwehren. Aber als Priester dient er einer anderen Wahrheit. Der Diener der Liebe stellt die Wahrheit einer anderen Welt, und seiner Institution, über weltliche Wahrheit und Gerechtigkeit.

Das Problem mit Antisemitismus oder Rassismus ist, dass er aus einer Weltsicht mit »Bestätigungsfehler« (die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen) hervorgeht, und dass jene, die diese Weltsicht teilen, schwer erreicht werden können. Jene, die wie Bernhardi in einer rationalen Welt der Wissenschaft leben, sehen sich einer großen Gefahr ausgesetzt, wenn dieses andere Denksystem – unempfänglich für Logik und wissenschaftliche Stringenz – an die Macht kommt. Fremdenfeindlichkeit, wie auch Antisemitismus, geht von bestimmten Charaktereigenschaften seines Gegner aus, die die eigenen Vorurteile rechtfertigen: dass sie die westliche Welt, Frauen oder Schwule hassen. Es wird außerdem davon ausgegangen, dass es eine vorherrschende Nationalkultur gibt, die respektiert werden muss, und an der die Anderen nicht teilnehmen können.

Ostermeier folgert: »Deutschlands AfD ist zu einer fremdenfeindlichen, homophoben, Anti-Flüchtlings-Partei geworden und seit der ersten großen Flüchtlingswelle im letzten Sommer ist unser Stück damit jeden Tag wichtiger geworden.«

Aus dem Englischen von Franziska Lantermann


Professor Bernhardi

von Arthur Schnitzler
Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie: Thomas Ostermeier




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About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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