John Gabriel Borkmann

von Henrik Ibsen
Regie: Thomas Ostermeier


Deutsch von Marius von Mayenburg nach der Übersetzung von Sigurd IbsenIn Koproduktion mit dem europäischen Theaternetzwerk Prospero, dem Théâtre National de Bretagne und den Ruhrfestspielen Recklinghausen, mit Unterstützung des Kulturprogramms der Europäischen Union.

Seit der Bankier John Gabriel Borkmann aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er sein Zimmer im ersten Stock nicht mehr verlassen. Nur nachts schleicht er manchmal die Treppe hinunter, aber spätestens an der Haustür hält er inne und kehrt in seinen selbstgewählten Kerker zurück. Dort geht er ruhelos auf und ab und schmiedet Pläne für die Rückkehr in die Gesellschaft. Im Erdgeschoss lebt seine Frau Gunhild, die ihn hasst. Mit gewagten Transaktionen hatte Borkmann vor Jahren seine Bank in den Ruin getrieben und dabei zusammen mit dem Geld der Kunden auch sein gesamtes Vermögen verloren. Dass er dafür ins Gefängnis musste, macht die Situation noch erniedrigender für Gunhild: Sie muss im Haus ihrer Zwillingsschwester Ella Rentheim leben. Deren Geld hat Borkmann bei seinen Spekulationen nie angetastet, sie ist seine eigentliche Liebe, die er aber aus karrieristischen Erwägungen nicht geheiratet hat: Sein Freund Hinkel, dem er die Ernennung zum Bankchef verdankte, hatte damals als Gegenleistung von ihm verlangt, auf Ella zu verzichten. Jetzt ist Ella schwer erkrankt und wird bald sterben. Zwischen ihr und ihrer Schwester entspinnt sich ein Kampf um Erhard, Borkmanns Sohn, den Ella in der Zeit nach dem Bankrott großgezogen hat. Er soll mit ihr in die Stadt kommen, um ihr vor ihrem Tod beizustehen. Gunhild hat aber andere Pläne mit ihrem Sohn: Sie will, dass er den Namen Borkmann mit einer eigenen glänzenden Karriere vom kriminellen Makel des Vaters reinwäscht. Und auch John Gabriel Borkmann hat ein Projekt mit seinem Sohn: Zusammen mit ihm will er die Wirtschaft des Landes aufmischen und wieder an die Spitze des ökonomischen Machtzirkels zurückkehren. Erhard selbst ist noch Student und gerade erst dabei, seine ersten eigenständigen Schritte im Leben zu machen. Die Ansprüche, die von allen Seiten an ihn gestellt werden, drohen ihn zu überfordern. Als Ella eines Nachts auftaucht, um den Konflikt mit ihrer Schwester auszutragen und von Erhard eine Entscheidung fordert, verlässt Borkmann zum ersten Mal sein Zimmer, um sich in den Kampf um seinen Sohn einzumischen.
Ibsens 1896 geschriebenes Stück ist das Porträt eines Machtmenschen, der fasziniert ist von der gestalterischen Kraft des Geldes. Die Aussicht auf eigenen Gewinn ist für ihn sekundär, er denkt im großen Stil und hat den Fortschritt der ganzen Menschheit im Blick. Dass er dabei über Leichen geht und auch die eigene Liebe opfert, nimmt er in Kauf. Im Geld verehrt er eine Naturgewalt, die über den von Menschen gemachten Gesetzen steht. Ibsen beschreibt in seinem Stück aber nicht nur den kometenhaften Aufstieg und Sturz dieses Mannes, sondern auch den Krater, den der Einschlag des Kometen hinterlässt: Ausgebrannte Biografien, menschliche Verheerungen - und eine verzweifelte Hoffnung: dass mit der nächsten Generation alles gut wird.

Autor: Henrik Ibsen
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Marius von Mayenburg
Licht: Erich Schneider

Ella Rentheim: Angela Winkler
Fanny Wilton: Cathlen Gawlich
Wilhelm Foldal: Felix Römer
John Gabriel Borkmann: Josef Bierbichler
Gunhild: Kirsten Dene
Frida: Luise Wolfram
Erhard: Sebastian Schwarz

Dauer: ca. 115 Minuten