19.10.2015, 19.30

Streit ums Politische: »Antikapitalistischer Protest ohne Alternative«

Heinz Bude im Gespräch mit Nicole Deitelhoff (Politikwissenschaftlerin, Frankfurt)


Im Ankündigungstext zur diesjährigen Ausgabe von Streit ums Politische wird Hölderlin mit seinem berühmten Zitat bemüht: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch! Aber genügt es, auf die Rettung zu warten – und wie sieht diese aus? Dies sind Fragen, die auch und gerade den gegenwärtigen antikapitalistischen Protest beschäftigen: Die einen treibt dabei ein unbestimmtes Unbehagen, dass der Kapitalismus irgendwie falsch ist, aber sie sehen auch keine Alternativen, auf die sie zu setzen vermögen. Die anderen sind sich gewiss, dass es Alternativen gibt, aber sie sind skeptisch, ob nicht schon die konkrete Formulierung solcher Alternativen den Kapitalismus einlädt, diese nur zu kooptieren. Sie wollen keine Vordenker sein, sondern setzen auf die unvermittelte und unvermittelbare Empörung der Vielen, in der sich irgendwie eine Alternative Bahn brechen soll. Genügt es der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus zuzuschauen, bis hinreichend viele Menschen beginnen, ihn abzulehnen? Reicht es, das eigene Handeln umzustellen oder den Exodus innerhalb des Systems zu suchen oder muss nicht doch eine Programmatik entwickelt werden, die konkrete Alternativen aufzeigt, wenn eine Chance auf Veränderung gewahrt werden soll? Und kann das überhaupt noch gelingen? Im Gespräch mit Heinz Bude sollen diese Denkmotive in der gegenwärtigen Kapitalismuskritik und in den Protesten aufgegriffen und zugleich in ihrer Bedeutung für die Demokratie diskutiert werden. Was darf Kritik und was muss sie leisten, wenn sie sich im demokratischen Sinne als emanzipatorisch begreifen will?

Nicole Deitelhoff, geb. 1974, leitet eine Forschungsgruppe zu »Normativität im Streit« an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und ist Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien Globaler Ordnungen im Exzellenzcluster »Normative Ordnungen« an der Goethe-Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen internationale Institutionen und Normen, soziale Bewegungen, Grundlagen politischer Herrschaft und ihre Legitimation jenseits des Nationalstaats sowie Formen politischen Widerstands. Zu ihren bekanntesten Veröffentlichungen zählt »Überzeugung in der Politik« (Suhrkamp 2006). In jüngster Zeit erschienen: »Protest und die demokratische Frage« in WestEnd (2014); »Jenseits der Anarchie? Widerstand und Herrschaft im internationalen System« (mit Ch. Daase) in Politische Vierteljahresschrift (2015).

Die neue Serie in der Reihe Streit ums Politische beschäftigt sich mit den Entstehungsgründen und Ausdrucksformen des »heimatlosen Antikapitalismus«, den manche fürchten, auf den manche aber auch hoffen. An vier Abenden im September und Oktober diskutiert Heinz Bude mit seinen Gästen.


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