20.10.2014, 19.30

Streit ums Politische: »Dürfen wir in der Demokratie auch hassen?«

Ernst-Dieter Lantermann im Gespräch mit Heinz Bude


In modernen Gesellschaften sind Gewissheiten zu einem knappen Gut, Ungewissheiten zum Normalfall geworden. Permanente Unsicherheitserfahrungen stellen eine Bedrohung unseres Selbstwertgefühls dar, auf die wir mit Gefühlen antworten, die uns neue Gewissheiten versprechen – nicht selten auf Kosten »vernünftigen« oder gar »moralischen« Handelns.
Jedes Gefühl hat sein eigenes, biologisch verankertes Recht – so auch der Hass. Welche Gefühle uns jedoch antreiben, worauf sich Liebe, Hass, Wut und Freude, Furcht oder Mitleid richten, ist dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen.
Jede Gesellschaft bringt ihre eigene Gefühlskultur hervor – und damit eine spezifische Kultur des Denkens. Gefühl und Denken stehen in einer engen Beziehung: Wer sich vor Fremdem fürchtet, sieht an ihm nur noch das, was seine Furcht bestätigt. Wer sich über ein Ereignis freut, übersieht dessen schlechte Seiten. Wer sich bedroht fühlt, hört auf, mit überlegtem Verstand die Hintergründe seiner Bedrohtheit erkennen zu wollen. Wer Menschen hasst, weil sie anders sind als man selbst, vereinfacht seine Sicht auf die eigene und die fremde Gruppe, indem er Differenzen betont und Gemeinsamkeiten ignoriert.  Mit diesem verkürzten Denken, angetrieben durch Gefühle der Ohnmacht, Selbstwertbedrohung und Unsicherheit, gelingt es, die so notwendigen Gewissheiten wiederherzustellen und zu stabilisieren.
Mit welchen Einstellungen, Vorurteilen und Handlungen gelingt es Menschen, die unter unsicheren, prekären Verhältnissen ihr Leben fristen, ihre Gewissheiten und darüber ihr Selbstwertgefühl wiederzugewinnen?

Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialforschung diskutiert mit seinen Gästen über Affekte, die die Politik beherrschen.

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann, geb. 1945, studierte und promovierte im Fach Psychologie (1974) in Bonn und habilitierte (1978) an der RWTH Aachen. Von 1979 bis zu seiner Emeritierung 2013 war er Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel. 1994–1995 leitete er die Abteilung Globaler Wandel und Soziale Systeme
am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 1990/1991 war er Gastprofessor an der Universität Leipzig, weitere Gastprofessuren führten ihn nach Mannheim, Bern und Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Analysen von Emotion-Kognition-Wechselwirkungen beim Handeln unter Unsicherheit, Einstellungen, Lebensstile und umweltbezogenes Handeln und Auswirkungen sozialer Exklusion auf Kognition, Emotion, Verhalten und Gesundheit. Seit Herbst 2013 ist er Mitinhaber der »Praxis für Organisationsentwicklung« in Kassel. Lantermann ist Autor und Herausgeber zahlreicher Artikel und Bücher, insbesondere in der Emotions-, Sozial- und Umweltpsychologie.
In jüngster Zeit erschienen: (zus. mit) V. Linneweber (Hg.): »Enzyklopädie der Psychologie. Umweltpsychologie. Band 1. Grundlagen, Paradigmen und Methoden der Umweltpsychologie« (2008); (zus. mit) E. Döring-Siepel, F. Eierdanz, L. Gerhold: »Selbstsorge in unsicheren Zeiten: Resignieren oder Gestalten« (2009), »Gefühle in unsicheren Zeiten« (2013).

 


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