27.10.2014, 19.30

Streit ums Politische: »Außenpolitik als Affektfeld – Müssen wir in Europa Angst haben vor einem realistischen Denken?«

Herfried Münkler im Gespräch mit Heinz Bude


Angst, sagt man, sei ein schlechter Berater; Furcht hingegen mache klug. Beides gilt auch für die Politik, und deswegen dienen politische Institutionen dazu, Angst in Furcht zu verwandeln. Angst ist ein diffuses Gefühl der Gefährdung, bei dem nicht gesagt werden kann, worin diese besteht und von wem sie kommt. Furcht hingegen weiß um die konkrete Bedrohung. Politischer Realismus wiederum ist eine Form der Betrachtung von Herausforderungen und Konstellationen, die Angst in Furcht verwandelt. Wo realistisch gedacht wird, ist Angst unangebracht, und die Furcht, die aus der Angst erwächst, treibt zu kluger Vorbereitung auf künftige Herausforderungen an.

Angst muss haben, wer sich dieser Transformation verweigert, weil er nicht wissen will, was die zukünftigen Herausforderungen sind. Aus Angst vor der Zukunft verharrt er in der gegenwärtigen Angst. Politischer Realismus ist die Therapie, der er sich unterziehen muss. Auf die außenpolitischen Herausforderungen der Europäischen Union bezogen heißt das, dass wir erkennbare Herausforderungen analysieren müssen, um entscheiden zu können, welchen Herausforderungen wir uns stellen und mit welchen wir uns arrangieren wollen. Da ist zum einen das sich schnell verändernde Verhältnis zu den USA, deren absehbarer Rückzug aus dem europäischen Raum, und zum anderen das neue aggressive Agieren Russlands und die Probleme, die ein Zusammenbruch der politischen und sozialen Ordnung im Nahen Osten für die Europäer haben wird.

Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialforschung diskutiert mit seinen Gästen über Affekte, die die Politik beherrschen.

Prof. Dr. phil. Herfried Münkler, geb. 1951, Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt (Staatsexamen 1977), Promotion mit einer Dissertation über Niccolò Machiavelli (1981), Habilitation über Staatsraison (1987) an der Goethe-Universität und Erteilung der Venia legendi für das Fach Politologie. Zahlreiche Gastdozenturen und -professuren u.a. am Institut für Höhere Studien Wien, am Wissenschaftszentrum für Sozialwissenschaften Berlin und an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Seit 1992 hat er den Lehrstuhl für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und hat sich an zahlreichen Forschungsprogrammen der DFG, der VW- und der Thyssenstiftung beteiligt, mehrere Arbeitsgruppen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften geleitet. 2009 erhielt er den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse.
Ausgewählte Veröffentlichungen: »Die neuen Kriege« (2002);  »Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz« (2004, TB 2007);  »Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten« (2005) »Die Deutschen und ihre Mythen« (2009); »Der große Krieg. Die Welt 1914-1918« (2013).

 


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