14.05.2017, 12.00

Streitraum: Europäischer Populismus – oder: Grenzen des Säkularismus

Carolin Emcke im Gespräch mit Rogers Brubaker
Dolmetscher/innen: Lilian-Astrid Geese und Marcus Grauer


Betrachtet man die verschiedenen populistischen Bewegungen und Parteien in Europa, so fällt auf, dass der neo-nationalistische Diskurs mit einem neuartigen Säkularismus argumentiert. Der säkulare Staat soll nicht mehr religiös neutral und von der Kirche entkoppelt verstanden werden, sondern unterliegt neuerdings einem eigentümlich christlichen Verständnis. In den Niederlanden wie in Frankreich richtete sich der so gewendete Begriff des Säkularen (oder der Laizität) gegen muslimische Symbole wie das Kopftuch und gegen Speisevorschriften. Was aber geschieht mit den anderen Konzepten eines nachmetaphysischen, modernen Staatsverständnisses, wenn der europäische Populismus erst einmal eines seiner Fundamente – den Säkularismus – in einen »christlichen Kulturalismus« (Rogers Brubaker) umdefiniert hat? Wie anfällig sind die hiesigen europäischen Demokratien für andere Elemente des Neonationalismus, wie sie sich auch in den USA unter Donald Trump verstärkt finden: das anti-moderne, anti-aufklärerische Moment? Und worin unterscheiden sich die Populismen?

Rogers Brubaker lehrt seit 1991 Soziologie an der University of California, Los Angeles. Frühere Stationen waren u. a. die Harvard University, die National Science Foundation und das Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences der Stanford University. Gegenwärtig ist er Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Brubaker hat unter anderem zu Fragen von Nationalität und Staatsbürgerschaft, Ethnizität und Einwanderung gearbeitet. Zu seinen jüngeren Veröffentlichungen zählen: »Grounds for Difference« (Harvard University Press, 2015), in dem er drei wichtige Ursachen für das veränderte Nachdenken über Multikulturalismus in einer stärker werdenden Sensibilität für soziale Ungleichheit, für die biologischen Grundlagen menschlicher Gesellschaft und für religiöse Fragen erkennt. Sein Buch »Trans: Gender and Race in the Age of Unsettled Identities« (Princeton University Press, 2016) analysiert die Herausforderung, die neue Lebensentwürfe wie ›transgender‹ und ›transracial‹ für anscheinend festumgrenzte Identitäten bedeutet. Während seines Aufenthaltes am Wissenschaftskolleg arbeitet Brubaker an einem Buch, das die Religion(en) als wiedererstarkendes Instrument von Identitätsbildung genauer untersucht.

Streitraum 2016/17: »Unbegrenzt entgrenzt – oder: Wozu braucht es Grenzen?«
Welche Formen der nötigen und unnötigen Grenzen haben und brauchen wir? Grenzen schließen ein und aus, manchmal schützen sie, manchmal sperren sie ein. Grenzen lassen sich aus harten oder weichen Stoffen ziehen. Es gibt emotionale oder territoriale Grenzen, Grenzen der Toleranz oder Grenzen der Scham. In den letzten zwei Jahren wurden stabil geglaubte Grenzen überschritten und offene Grenzen wieder geschlossen. Der »Streitraum« in der Spielzeit 2016/17 will sich diesen unterschiedlichen Formen stellen: Welche Grenzen der Toleranz braucht es in einer offenen Gesellschaft? Welche Grenzen des »das wird man ja wohl mal sagen dürfen« braucht es aber auch? Auf welcher Sorte Übereinkunft beruhen Vorstellungen von den Grenzen zwischen den Geschlechtern? Zwischen den Religionen?


Förderer

Logo der Bundeszentrale für politische Bildung

 


Medienpartner