03.12.2017, 12.00   > Ticket

Streitraum: Gewalt und Gerechtigkeit

Carolin Emcke im Gespräch mit Édouard Louis (französischer Autor)


In seinem Roman »Im Herzen der Gewalt« erzählt der französische Autor Édouard Louis die Geschichte seiner eigenen Vergewaltigung nicht allein als furchtbare Erfahrung der Gewalt durch seinen Angreifer. Sondern er erzählt auch von der Art und Weise, wie die Justiz ihm diese Erfahrung Stück für Stück enteignet, wie sie, je häufiger er sie erzählen, begründen, rechtfertigen muss, weniger ihm als der Polizei, den Medizinern, den Ermittlungsbeamten gehört. Édouard Louis’ Roman führt ins analytische Zentrum der Fragen nach Trauma und Sprachlosigkeit, Gewalt und Gerechtigkeit – und nicht zuletzt zur Frage unserer gesellschaftlichen Verantwortung im Reproduzieren von gewaltförmigen Strukturen und Praktiken.

Édouard Louis (*1992, Hallencourt) wurde als Eddy Bellegueule geboren. Seinen Geburtsnamen legte er jedoch ab, als er sein Dorf in der Picardie und damit das Elend der Welt seiner Eltern verließ, um in Paris an der École normale supérieure zu studieren. In seinem autobiographischen Debütroman »Das Ende von Eddy« (Fischer Verlag, 2015) erzählt Louis von seiner Flucht aus dem Milieu seiner Kindheit und Jugend und sorgte damit für großes Aufsehen. Sein Roman ließ diejenigen zu Wort kommen, die im französischen Literaturbetrieb sonst keine Stimme haben: Abgehängte, Langzeitarbeitslose, reaktionäre Proleten, die keine Hemmungen haben, die eigene Gewalterfahrung an ihre Kinder weiterzugeben und so fortzufahren, die Strukturen, unter denen sie selbst leiden, zu reproduzieren. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Édouard Louis zum literarischen Star. Sein zweiter Roman »Im Herzen der Gewalt« (Fischer Verlag, 2017) erscheint in über 20 Sprachen und wird derzeit verfilmt. Édouard Louis lebt in Paris. Er ist ein Schüler des Soziologen Didier Éribon, dessen Buch »Rückkehr nach Reims« (Suhrkamp, 2016) weltweit Aufsehen erregte. Das Werk des Pariser Soziologen Pierre Bourdieu hat sowohl Louis als auch Éribon stark geprägt. Gemeinsam mit Geoffroy de Lagasnerie verfasste Louis das »Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive«, das auf Deutsch in dem Band »Wie wir leben wollen« (Hrsg.: Matthias Jügler, Suhrkamp 2016) erschienen ist. 2014 erhielt Édouard Louis den Pierre Guénin-Preis gegen Homophobie.

Streitraum 2017/18: »Wissen und Macht«

Lange galt der Mythos, wer über Wissen und Bildung verfüge, verfüge auch über Macht und Status. Umgekehrt galt der Zugang zu Wissen und Bildung auch als eine Form der Umverteilung und als Weg aus der Ohnmacht. Der »Streitraum« 2017/18 will fragen, was von dieser Vorstellung noch übrig geblieben ist. Denn offensichtlich gelten auch ganz andere Konfigurationen: Beim Brexit wie auch bei der Wahl Donald Trumps schien Unwissen (oder sogar Lügen) erstaunlich machtvoll zu sein. Der explizite Anti-Intellektualismus verschiedener populistischer Bewegungen probt den systematischen Angriff auf Institutionen der Wissensvermittlung wie Universitäten, Kultureinrichtungen und Theater. In einer Zeit, in der durch digitale Medien der Zugang zu Wissen schneller und breiter als je zuvor ermöglicht wird, sind sie nur eines der Konfliktfelder, in denen Wissen und Unwissen sowie Macht und Ohnmacht verhandelt werden. Wie ungleich oder ungerecht wird Wissen verteilt? Was sind die Ursachen für die fehlende soziale Mobilität in einer Gesellschaft? Wie gelingt es radikalen, politischen Bewegungen und Netzwerken, aber auch autoritären, chauvinistischen Regimen, ihre Ideologien und ihre Verbrechen machtvoll zu propagieren und zu inszenieren? Welche technischen, welche ästhetischen Gegenstrategien kann es gegen die Verbreitung von Lügen, Diffamierungen und Hass geben? Verschieben sich die gewalttätigen Konflikte zunehmend in die Sphäre von Cyber-Wars? Und was bedeutet das für die Kritik daran? Der »Streitraum« will in der Spielzeit 2017/18 diese ganz unterschiedlichen Phänomene in den Blick rücken: die sozialen Fragen der Ungleichheit ebenso wie die Fragen nach autoritären Regimen und den »Unsichtbaren« in der Gesellschaft – und welche Dispositive der Macht sie generieren.


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