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Festival Internationale Neue Dramatik: »Demokratie und Tragödie«
Vom 30. März bis 9. April 2017

Die europäischen und westlichen Demokratien befinden sich in einem einschneidenden Umbruchprozess: Staatspleiten, stärkerer Einfluss von Wirtschaftsinteressen und Lobbyismus auf politische Entscheidungen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Arbeitslosigkeit, Terrorismus, knappe Ressourcen, zurückkehrender Nationalismus und Rechtspopulismus bedrohen sozialen Frieden, Solidarität und offene Grenzen.

Vor dem Hintergrund dieses düsteren Panoramas versammelt das Festival Internationale Neue Dramatik 2017 unter dem Motto »Demokratie und Tragödie« Inszenierungen von international renommierten Theatermacher_innen. Seit der griechischen Antike sind Demokratie und Tragödie miteinander verbunden, denn hinter der attischen Demokratie stand die Erfahrung der Tragödie als politisches Bewusstsein und Beschreibung des Daseins. Die versammelte Öffentlichkeit sollte sich über die Darstellung all der Affekte und schuldhaften Verstrickungen, welche in der politischen Wirklichkeit verdrängt wurden, durch Mitleid und Erschrecken von ebenjenen reinigen.

Anknüpfend an diese Ursprünge des Theaters beschäftigen sich die bei FIND 2017 präsentierten Arbeiten mit dem aktuellen Stand der Demokratie, ihrer Gefährdung, ihrer verdrängten Schuld und ihren Widersprüchlichkeiten. Sie befragen das gesellschaftliche und familiäre Erbe, unsere Konzepte von Gemeinschaft sowie den Platz des Individuums darin und denken auf der Bühne darüber nach, wie wir in Zukunft zusammenleben können.

Angélica Liddell (Madrid) arbeitet zum ersten Mal an einem Ensemble-Theater und inszeniert mit Schauspielerinnen und Schauspielern der Schaubühne »Toter Hund in der Chemischen Reinigung: Die Starken«.

Aus der Perspektive der heutigen (Post-)Demokratie blickt Romeo Castellucci (Cesena) auf »Democracy in America« (1835) von Alexis de Tocqueville als Wendepunkt des europäischen Denkens über das Staatswesen. Assoziativ folgt Castelluccis Inszenierung der Geschichte dieses jungen Franzosen, der mit Erstaunen und Erschrecken auf die amerikanische Demokratie blickt.

»Tristesses. Une comédie« von Anne-Cécile Vandalem (Brüssel/Liège) spielt in einem Europa der Gegenwart, in dem Rechtspopulisten zunehmend Einfluss gewinnen, unter ihnen die nordeuropäische »Partei des völkischen Erwachens« von Martha Heiger. Auf der fiktiven dänischen Insel »Tristesses« wird die Leiche von Marthas Mutter gefunden. Sie hat sich erhängt und ist in eine dänische Flagge gewickelt. Martha kommt zur Beerdigung. Zwei junge Mädchen planen, die Politikerin, die ihre Zukunft bedroht, zu vernichten. Doch am Beerdigungstag kippt die Situation. Mit schwarzem Humor legt Vandalem die Hysterisierung gegenwärtiger Politik offen.

Die Inszenierung »Hamnet« des irischen Theaterkollektivs Dead Centre (Dublin/London) ist Shakespeares einzigem Sohn gewidmet, der im Alter von elf Jahren starb. Aus allen Stücken Shakespeares werden die Szenen gesampelt, in denen Eltern mit ihren Kindern sprechen. Das Publikum nimmt die Rolle der Eltern an. Es entwickelt sich ein Denkraum zwischen zwei Generationen, die sich befragen, welches Erbe sie weitergeben und erhalten wollen.

Das kolumbianische Kollektiv Mapa Teatro (Bogotá) zeigt »Anatomie der Gewalt in Kolumbien«, ein Panorama der Welle der Gewalt, die das Land seit über einem halben Jahrhundert bestimmt. Teil 1 verwandelt ein afro-kolumbianisches Ritual in eine delirierende Performance: Maskierte, als Frauen verkleidete Männer ziehen durch die Straßen und peitschen alle aus, die nicht maskiert und transvestiert sind. Teil 2 führt den Geist eines ermordeten Drogenmafia-Chefs vor, der im kolumbianischen Dschungel in Begleitung seiner Braut den Gespenstern der eigenen Vergangenheit in die Augen sehen muss. In Teil 3 wartet eine Familie vorm Radio auf die Nachricht einer Revolution, die nie stattfinden wird.

Christophe Meierhans (Brüssel) zeigt mit »Verein zur Aufhebung des Notwendigen« ein Abendessen über die Demokratie. Die Zuschauer bereiten nach einem von Meierhans verfassten Kochbuch ein Zwei-Gänge-Menü samt Apéro und Getränken zu. Die Küche wird zum Theaterkollektiv oder individuell getroffener, allgemein bindender Entscheidungen. Das Essen schmeckt so wie deren Summe – ein Experiment mit offenem Ausgang.

»Acceso« ist die erste Theaterarbeit des vielfach preisgekrönten chilenischen Filmregisseurs (»Neruda«, »Jackie«, »El Club«) Pablo Larraín (Santiago de Chile). Der Schauspieler Roberto Farías ist darin Sandokan, ein Außenseiter, der im Transantiago-Bus Billigprodukte an die Leute bringt. Nach und nach erzählt er aus seiner Vergangenheit, die geprägt ist von Armut, Gewalt und sexuellem Missbrauch, und entwirft eine schonungslose Anklage gegen ein tief korruptes System.

»Tijuana« des jungen mexikanischen Theaterkollektivs Lagartijas tiradas al sol (Mexiko Stadt) ist Teil eines Triptychons mit dem Titel »Die Demokratie in Mexiko« und basiert auf einem realen Selbstversuch: Autor und Performer Gabino Rodríguez arbeitet sechs Monate für den Mindestlohn unter falscher Identität in einer Montagefabrik der Grenzstadt Tijuana. Dabei wird er nicht nur mit menschenverachtenden Ausbeutungsmethoden und einer aus dem Versagen staatlicher Ordnung resultierenden Selbstjustiz unter den Arbeitern konfrontiert, sondern auch mit seinen eigenen Widersprüchen und sozialen Vorurteilen als bürgerlicher Künstler.

Weitere Programmpunkte werden Ende Februar bekannt gegeben. Und natürlich gibt es Publikumsgespräche, Diskussionsformate und Partys.

FIND wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.