Spielzeit 2012/13: It's capitalism, stupid!

Der Spuk ist zwar noch lange nicht vorbei, aber der Glaube, dass die gesamte Gesellschaft durch eine politische Technologie des Marktes optimiert werden könnte, ist dahin. Der Neoliberalismus hat abgewirtschaftet, trotzdem geht der Kapitalismus weiter. Im Augenblick flüchtet sich das kritische Bewusstsein in eine Haltung des Misstrauens, die sich die Parole der Transparenz auf die Fahnen schreibt.
Man verspricht sich von der Durchleuchtung von Entscheidungswegen und Verhandlungsarenen eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zugleich entstehen Vorstellungen von einer »Sharing Economy«, in der die Verteilung der Güter und Dienstleistungen von den Produzenten und Konsumenten selber in die Hand genommen wird. Hier deutet sich die Idee eines anderen Denkens über die Ökonomie an, das Vorstellungen kollektiver Selbstbestimmungen mit Idealen persönlicher Initiative und Prinzipien fairer Beteiligung mischt. Es gibt eine Rückkehr zu komplexen Bildern der Wirtschaft, wie sie von ökonomischen Klassikern wie John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter, aber auch von Karl Marx gezeichnet worden sind.
Wirtschaft kann nicht ohne Gesellschaft, aber Gesellschaft kann auch nicht ohne Wirtschaft gedacht werden. Es bildet sich von ganz verschiedenen Richtungen ausgehend ein gesellschaftlicher Konsens, dass die Ökonomie keine Sphäre naturhafter Zwänge darstellt, sondern immer eine politische Ökonomie sein wird, in der die Korporationen der Zivilgesellschaft, die Apparate des Staates, die Regulationen des Rechts, die Manöver der Banken, die Strategien der Unternehmen und die Masse der Konsumenten jeweils eine eigene Rolle spielen. Von jeder dieser Seiten wird das Ganze gedreht, gewendet und in Bewegung gehalten. Die Vortragsreihe beschäftigt sich mit den neuralgischen Punkten eines ökonomischen Denkens, das sich von der Ideologie einer unsichtbaren Hand löst. Es geht um die Rolle des Geldes, die Vorstellung von Kredit, die Wege der Beteiligung und die Auffassung von Wachstum. Nicht ein Ausstieg aus der Ökonomie, sondern die Wiedererfindung einer Ökonomie im Dienste der Gesellschaft ist das Thema.

Sparzwang und Zahlungsversprechen. Politik einhegen, Kredit ausdehnen

Ralph und Stefan Heidenreich (Autoren von »Mehr Geld«) befassen sich mit dem Befund, dass Wirtschaft und Politik nicht mehr zusammenpassen wollen. Das Politische ist nicht mehr der Ort der gemeinsamen demokratischen Entscheidung. Seit Banken als systemrelevant gelten, sind es die Staaten nicht mehr. Wir geraten in neue Klassenkämpfe, aber sie werden von oben, nicht von unten geführt.
Am 22. Oktober 2012

Auf dem Weg zur »marktkonformen« Demokratie

Heiner Ganßmann problematisiert die Rolle des staatlichen Geldmonopols und die Versuche, das Geldwesen als rein technische Angelegenheit zu behandeln und damit aus seinem politischen Zusammenhang zu lösen. Damit würde in den demokratischen Gesellschaften das Geldwesen dem demokratischen Zugriff entzogen.
Am 29. Oktober 2012

Kollektivsucht? Die Finanzkrise als »konstitutioneller Moment«

Gunther Teubner diskutiert, ob sich die jüngste globale Finanzkrise und andere gesellschaftliche Krisen als Suchtphänomene beschreiben lassen. Wenn es so etwas wie kollektive und kommunikative Stei-gerungszwänge gibt, so seine These, dann ist nicht primär die Gier der Banker das Problem, sondern die spezifischen gesellschaftlichen Suchtmechanismen, die solche impersonalen Abhängigkeitssyndrome erzeugen. »Hit the bottom«, so der Rechtssoziologe, bezeichnet den »konstitutionellen Moment«, in dem entweder die Katastrophe eintritt oder gesamtgesellschaftliche Änderungskräfte mobilisiert werden.
Am 12. November 2012

Die Atmosphäre als Global Common - von der Tragödie zum Drama

Ottmar Edenhofer fragt nach dem Politischen einer Ökonomie des gesamten Globus. Er erläutert, was die internationale Staatengemeinschaft tun müsste, um vernünftigen Klimaschutz zu realisieren und fragt, warum dies mit den bisher gültigen Vorstellungen von Wachstum und verbesserten Lebenschancen kollidiert. Effektive Klimapolitik würde die Umverteilung des Weltvermögens bedeuten. Wenn man ein realistisches Klimaschutzziel erreichen will, so Edenhofer, dann müsse man die Nutzung der Atmosphäre begrenzen und die Rechte an diesem Deponieraum neu verteilen.
Am 19. November 2012