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Regimes der Leidenschaft

Wenn Angela Merkel sagt, sie könne mal liberal, mal sozial und mal konservativ sein, dann ist am Ende egal, was man ist. Die Vorstellung, dass sich im postideologischen Zeitalter die politischen Auseinandersetzungen auf Sachthemen reduzieren lassen, wirft die Frage auf, was mit dem politischen Engagement überhaupt noch gemeint sein könnte. Was ist das Politische, das die politischen Differenzen ermöglicht? Mit dieser vierteiligen Vortragsreihe mischt sich das Hamburger Institut in die Debatte über das politische Selbstverständnis unserer Gesellschaft ein. Sie nimmt dabei Bezug auf ein Gesellschaftsdenken, das eine scharfe Differenz zwischen dem Politischen und dem Sozialen macht. Der starre Blick auf die soziale Symmetrie kann den Impuls zur politischen Souveränität zunichte machen. Die Motive der unhintergehbaren Herrschaft, der notwendigen Repräsentation und der unendlichen Demokratie sollen die Frage nach dem politischen Engagement mit der nach der persönlichen Existenz in Berührung bringen. Was für ein Einsatz ist gefordert, wenn man sich als politisches Wesen begreift, das die öffentlichen Angelegenheiten nicht sich selbst überlässt?

Gesprächsreihe in Kooperation mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung.

Kurator der Reihe ist Heinz Bude. Er leitet den Arbeitsbereich »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« des Hamburger Instituts für Sozialforschung und ist Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Mehr über Heinz Bude erfahren Sie auf der Website des Hamburger Instituts für Sozialforschung: HIS

Am 27. Oktober, 3. November, 17. November und 8. Dezember 2011



»Wir, Ihr oder Sie? Formen und Identifikationen des Politischen«

Prof. Dr. Christoph Möllers, HU Berlin

> Am 27.10.2011, um 20.30 Uhr

Unser Verhältnis zum Politischen bewegt sich zwischen unerfüllter Sehnsucht und irritierter Ablehnung. Wäre es nicht besser, wenn zwischen all den technischen und ökonomischen Sachzwängen noch Raum für Politik bestünde? Doch sind wir nicht verstört bis abgestoßen durch all das, was regelmäßig geschieht, wenn solche politischen Spielräume sich öffnen?
Unter-Politisierung und Über-Politisierung missfallen dem Publikum gleichermaßen. Wie es sich zum Politischen stellt, als Subjekt oder Objekt, als handelndes oder erleidendes Volk, ob es das Politische in den Formen repräsentativer Verfahren anerkennt oder es lieber in der Informalität öffentlicher Empörung sucht – darauf gibt es uns keine eindeutige Antwort. Zu solchen Fragen verhält es sich vielmehr selbst wie ein politischer Stratege. Eine Lösung für diesen Widerspruch ist nicht in Sicht, es wäre seinerseits ganz unpolitisch anzunehmen, es könnte eine geben. Aber die Einsicht in das Dilemma mag die therapeutische Wirkung, solche Widersprüche zu akzeptieren, nicht völlig verfehlen.



»Was ist das Politische? Wo ist Politik? Antworten jenseits von Mao und Bartleby«

Oliver Marchart, Universität Luzern

> Am 3.11.2011, 19.30 Uhr

Im politischen Denken der Gegenwart wird eine Differenz zwischen dem Politischen und der Politik gemacht. Das Politische ist nicht ohne die Politik zu haben und stellt doch die Frage nach der Quelle von Engagement und Leidenschaft. Das ist besonders für die Linke ein eminenter Vorgang. Sie steht nämlich in Gefahr, dass sie ihre Zukunft genauso wie ihre Vergangenheit verspielt. Offenbar lässt sich die Geschichte der Linken nicht mehr narrativ bewältigen. Es lösen sich Bruchstücke heraus und entfalten als Vorstellung eines letzten Aufstands (das »Unsichtbare Komitee«), eines suizidalen Akts (Žižek) oder einer imperialistischen Verschwörung (Badiou) ein Eigenleben. Wie das mit den aktuellen weltweiten Protesten der Jugend zusammengeht, ist unklar.

Der Philosoph Oliver Marchart ist Professor am Soziologischen Seminar der Universität Luzern.



»Wer das Sagen hat«

Raymond Geuss, University of Cambridge

> Am 17.11.2011, 19.30 Uhr

Eine politisch relevante Ethik lässt sich nur im Zusammenhang mit einer Diagnose der gegenwärtigen Situation denken. Das Verhältnis zwischen einer sich als »philosophisch« verstehenden ethischen Reflexion und politischem Engagement war schon immer äußerst heikel. In der politischen Praxis kann man das Handeln nicht vom Sprechen trennen. Deshalb ist die allgemein verwirklichte Redefreiheit eine nicht zu verachtende positive Errungenschaft demokratischer Gesellschaften. Die bittere Einsicht aber, dass sich Machtlosigkeit und Unterdrückung weder durch bloße Reflexion noch durch das Reden allein überwinden lassen, ist kein Argument für Apathie. Wer diesem Fehlschluss verfällt, den straft das politische Leben selbst.

Der Philosoph Raymond Geuss lehrt an der Universität Cambridge (England) und ist Autor der Hamburger Edition.



»Rohstoff Leben. Andy Warhols Factory als biopolitisches Theater«

Isabelle Graw, Städelschule Frankfurt am Main

> Am 8.12.2011, 19.30 Uhr

Warhols Factory gleicht mit ihren amphetamingetriebenen kollektiven Aktivitäten im Rückblick einem postfordistischen Traum, der auf der Bühne eines biopolitischen Theaters aufgeführt wurde. Als wichtigste Produktivkräfte dieser »gesellschaftlichen Fabrik« (Negri/Hardt) fungierten Kommunikationsfähigkeit, Kooperation, Teamwork und Flexibilität. Die Factory schöpfte durchaus das Leben ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ab und lieferte damit ein Beispiel für das »kapitalistische Kommando über Subjektivität« (Maurizio Lazzarato). Sie ermöglichte aber zugleich die Anerkennung und das Ausleben verschiedener sexueller Identitäten und Lebenskonzepte. Inwieweit wurde hier neuen Zwängen entsprochen und wurden zugleich neue Möglichkeitsräume eröffnet? Fluch und Errungenschaft gingen schon in der Factory Hand in Hand.

Die Kunstkritikerin Prof. Dr. Isabelle Graw ist Professorin für Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule Frankfurt am Main.

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