It's capitalism, stupid! (Spielzeit 2012/2013)»Herrschaft!« (Spielzeit 2011/2012)Regimes der Leidenschaft (Spielzeit 2011/2012)Über »Streit ums Politische«Ausblick (Spielzeit 2013/14)
It's capitalism, stupid!
Der Spuk ist zwar noch lange nicht vorbei, aber der Glaube, dass die gesamte Gesellschaft durch eine politische Technologie des Marktes optimiert werden könnte, ist dahin. Der Neoliberalismus hat abgewirtschaftet, trotzdem geht der Kapitalismus weiter. Im Augenblick flüchtet sich das kritische Bewusstsein in eine Haltung des Misstrauens, die sich die Parole der Transparenz auf die Fahnen schreibt.Man verspricht sich von der Durchleuchtung von Entscheidungswegen und Verhandlungsarenen eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zugleich entstehen Vorstellungen von einer „Sharing Economy“, in der die Verteilung der Güter und Dienstleistungen von den Produzenten und Konsumenten selber in die Hand genommen wird. Hier deutet sich die Idee eines anderen Denkens über die Ökonomie an, das Vorstellungen kollektiver Selbstbestimmungen mit Idealen persönlicher Initiative und Prinzipien fairer Beteiligung mischt. Es gibt eine Rückkehr zu komplexen Bildern der Wirtschaft, wie sie von ökonomischen Klassikern wie John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter, aber auch von Karl Marx gezeichnet worden sind.
Wirtschaft kann nicht ohne Gesellschaft, aber Gesellschaft kann auch nicht ohne Wirtschaft gedacht werden. Es bildet sich von ganz verschiedenen Richtungen ausgehend ein gesellschaftlicher Konsens, dass die Ökonomie keine Sphäre naturhafter Zwänge darstellt, sondern immer eine politische Ökonomie sein wird, in der die Korporationen der Zivilgesellschaft, die Apparate des Staates, die Regulationen des Rechts, die Manöver der Banken, die Strategien der Unternehmen und die Masse der Konsumenten jeweils eine eigene Rolle spielen. Von jeder dieser Seiten wird das Ganze gedreht, gewendet und in Bewegung gehalten. Die Vortragsreihe beschäftigt sich mit den neuralgischen Punkten eines ökonomischen Denkens, das sich von der Ideologie einer unsichtbaren Hand löst. Es geht um die Rolle des Geldes, die Vorstellung von Kredit, die Wege der Beteiligung und die Auffassung von Wachstum. Nicht ein Ausstieg aus der Ökonomie, sondern die Wiedererfindung einer Ökonomie im Dienste der Gesellschaft ist das Thema.
Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialforschung diskutiert an vier Abenden mit seinen Gästen.
> 22.10.2012
Sparzwang und Zahlungsversprechen. Politik einhegen, Kredit ausdehnen
Ralph und Stefan Heidenreich (Autoren von »Mehr Geld«) befassen sich mit dem Befund, dass Wirtschaft und Politik nicht mehr zusammenpassen wollen. Das Politische ist nicht mehr der Ort der gemeinsamen demokratischen Entscheidung. Seit Banken als systemrelevant gelten, sind es die Staaten nicht mehr. Wir geraten in neue Klassenkämpfe, aber sie werden von oben, nicht von unten geführt.
> 29.10.2012
Auf dem Weg zur »marktkonformen« Demokratie
Heiner Ganßmann problematisiert die Rolle des staatlichen Geldmonopols und die Versuche, das Geldwesen als rein technische Angelegenheit zu behandeln und damit aus seinem politischen Zusammenhang zu lösen. Damit würde in den demokratischen Gesellschaften das Geldwesen dem demokratischen Zugriff entzogen.
> 12.11.2012
Kollektivsucht? Die Finanzkrise als »konstitutioneller Moment«
Vortrag und Gespräch mit Gunther Teubner
Gunther Teubner diskutiert, ob sich die jüngste globale Finanzkrise und andere gesellschaftliche Krisen als Suchtphänomene beschreiben lassen. Wenn es so etwas wie kollektive und kommunikative Stei-gerungszwänge gibt, so seine These, dann ist nicht primär die Gier der Banker das Problem, sondern die spezifischen gesellschaftlichen Suchtmechanismen, die solche impersonalen Abhängigkeitssyndrome erzeugen. »Hit the bottom«, so der Rechtssoziologe, bezeichnet den »konstitutionellen Moment«, in dem entweder die Katastrophe eintritt oder gesamtgesellschaftliche Änderungskräfte mobilisiert werden.
> 19.11.2012
Die Atmosphäre als Global Common - von der Tragödie zum Drama
Vortrag und Gespräch mit Ottmar Edenhofer
Ottmar Edenhofer fragt nach dem Politischen einer Ökonomie des
gesamten Globus. Er erläutert, was die internationale Staatengemein-schaft tun müsste, um vernünftigen Klimaschutz zu realisieren und fragt, warum dies mit den bisher gültigen Vorstellungen von Wachstum und verbesserten Lebenschancen kollidiert. Effektive Klimapolitik würde die Umverteilung des Weltvermögens bedeuten. Wenn man ein realistisches Klimaschutzziel erreichen will, so Edenhofer, dann müsse man die Nutzung der Atmosphäre begrenzen und die Rechte an diesem Deponieraum neu verteilen.
»Streit ums Politische« in der Spielzeit 2011/2012:
»Herrschaft!«
Macht existiert. Man fühlt sie, arrangiert sich mit ihr, opponiert gegen sie, unterläuft sie. Aber was ist Herrschaft? Wir kommen aus einer historischen Periode, die die Herrschaft geleugnet hat. Wenn es nur noch Individuen und keine Gesellschaft mehr geben soll, dann kann es auch keine Herrschaft mehr geben. Anstatt Abhängigkeiten zu rechtfertigen, wurden daher flache Hierarchien gepriesen, kreative Einzelne bewundert und win-win-Situationen phantasiert. Heute hat sich das für viele als Lüge entpuppt. Das alles beherrschende Gesetz scheint zu sein, dass aus Geld mehr Geld wird. Kapitalismus ist der Name für ein System, das die Verwertungsinteressen des Kapitals in Widerspruch zu den Bedürfnissen der Menschen bringt. Es ist kein Privileg der Linken mehr, auf Klassenverhältnisse hinzuweisen. Nur ist zu klären, welche Klassen mit welchem Anspruch und vor allem mit welchen Effekten für uns alle auftreten. Sonst bleibt im Ressentiment gegen das System stecken, was Bewegung im System schaffen könnte.> 19. März 2012, 19.30 Uhr
Herrschaft im System: Zur Kontrolle von Macht
Dirk Baecker, Zeppelin-University, Friedrichshafen
> 26. März 2012, 19.30 Uhr
Arbeit, Herrschaft, Proletarität – Zombies der Industriegesellschaft?
Friederike Bahl und Philipp Staab, Hamburger Institut für Sozialforschung
> 16. April 2012
Doppelherrschaft im Kapitalismus
Wolfgang Streeck, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln
> 23. April 2012
Frauenmacht/ Männerherrschaft?
Claudia Honegger, Bern
Regimes der Leidenschaft
Wenn Angela Merkel sagt, sie könne mal liberal, mal sozial und mal konservativ sein, dann ist am Ende egal, was man ist. Die Vorstellung, dass sich im postideologischen Zeitalter die politischen Auseinandersetzungen auf Sachthemen reduzieren lassen, wirft die Frage auf, was mit dem politischen Engagement überhaupt noch gemeint sein könnte. Was ist das Politische, das die politischen Differenzen ermöglicht? Mit dieser vierteiligen Vortragsreihe mischt sich das Hamburger Institut in die Debatte über das politische Selbstverständnis unserer Gesellschaft ein. Sie nimmt dabei Bezug auf ein Gesellschaftsdenken, das eine scharfe Differenz zwischen dem Politischen und dem Sozialen macht. Der starre Blick auf die soziale Symmetrie kann den Impuls zur politischen Souveränität zunichte machen. Die Motive der unhintergehbaren Herrschaft, der notwendigen Repräsentation und der unendlichen Demokratie sollen die Frage nach dem politischen Engagement mit der nach der persönlichen Existenz in Berührung bringen. Was für ein Einsatz ist gefordert, wenn man sich als politisches Wesen begreift, das die öffentlichen Angelegenheiten nicht sich selbst überlässt?> 27.10.2011
»Wir, Ihr oder Sie? Formen und Identifikationen des Politischen«
Prof. Dr. Christoph Möllers, HU Berlin
> 3.11.2011
»Was ist das Politische? Wo ist Politik? Antworten jenseits von Mao und Bartleby«
Oliver Marchart, Universität Luzern
> 17.11.2011
»Wer das Sagen hat«
Raymond Geuss, University of Cambridge
> 8.12.2011
»Rohstoff Leben. Andy Warhols Factory als biopolitisches Theater«
Isabelle Graw, Städelschule Frankfurt am Main
Über »Streit ums Politische«
»Streit ums Politische« ist eine Kooperation der Schaubühne Berlin mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung.Kurator der Reihe ist Heinz Bude.
Bude leitet den Arbeitsbereich »Die Gesellschaft der Bundesrepublik« des Hamburger Instituts für Sozialforschung und ist Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.
Mehr über Heinz Bude erfahren Sie auf der Website des Hamburger Instituts für Sozialforschung: HIS
