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Pearson's Preview

Die Putzfrau quälen: Marius von Mayenburgs »Stück Plastik«

Die Putzfrau quälen: Marius von Mayenburgs »Stück Plastik«

von Joseph Pearson

01. Mai 2015

Als ich bei der Probe von Marius von Mayenburgs neuer Komödie »Stück Plastik« ankomme, muss ich mich ducken. Von links und rechts fliegen Spaghetti durch die Luft. Sebastian Schwarz, der den anmaßenden Künstler Haulupa gibt, sieht drollig aus und lutscht sich die Nudeln von den Knöcheln. Robert Beyer, der frustrierte Ehemann Michael, ist wütend und schmeißt noch mehr Spaghetti-Fäden über die Bühne. Seine Frau Ulrike (Marie Burchard) rutscht derweil beinahe auf den herumliegenden Tagliatelle aus. Ihr Kind Vincent, gespielt von Laurenz Laufenberg, steht wahrscheinlich irgendwo auf der Seitenbühne und heult sich die Augen aus. Die gesamte Rückwand der Bühne ist mit Grießbrei gepflastert, der der Schwerkraft Widerstand leistet und Jenny König, die zum Objekt gemachte Putzfrau Jessica, schaut genauso perplex drein wie ich.

»Das reicht für heute«, sagt Marius und eine echte Putztruppe macht sich daran, die Spaghetti zu entfernen, die auf dem Plastikfußboden zerstampft oder ihren Weg bis in die Ritzen der Polstermöbel gefunden haben – eine schier unmögliche Aufgabe.

»Tun dir die Glücklichen, die das alles aufputzen müssen, nicht ein bisschen leid?«, frage ich den Regisseur. »Und findest du das im Zusammenhang mit dem Stück nicht ein wenig ironisch?«

Die schmutzige Beziehung zwischen einer reichen Prenzlauer Berg-Familie und ihrer umkämpften Putzfrau aus Halle macht den zentralen Konflikt in »Stück Plastik« aus.  Wenn man sich Gedanken darüber macht, welche Konsequenzen es hat, Geld im Haus herumliegen zu lassen, um die Ehrlichkeit der Putzfrau zu testen, ist man schon mittendrin in dieser schwarzen Komödie.

»Naja, es ist deren Job«, antwortet Marius, »aber natürlich gibt es auch Situationen in denen die Schauspieler eine extra große Schweinerei machen und da frage ich mich schon, ob wir es denen, die das aufputzen, müssen nicht etwas leichter machen könnten. Aber das kann nicht Programm sein, wenn man versucht, Theater zu machen.«

»Spaghetti sind besser als Fett, das an einer Stelle in deinem Stück ebenfalls aufgeputzt werden muss. Das ist natürlich eine Anspielung auf – «

»Auf Joseph Beuys«, vervollständigt er meinen Gedanken. »Es gibt einen Witz über Beuys, der besagt, dass seine Kunst immer das Opfer des Putzpersonals ist. Wenn du also Künstler und Putzpersonal auf der Bühne hast, geht es auch immer um Beuys.«

Nachdem ich eine Vorfassung des Stückes gelesen hatte, war meine eigene oberflächliche Interpretation dieses neuen Werkes, dass es sich dabei um ein Portrait bankrotter politischer Überzeugungen einer linksliberalen Generation handelt. Es zeigt die Perfidie eines Klassen-Snobismus, der hinter dem Plastikfilm der political correctness ranzig geworden ist. Die Bühne besteht aus viel Plastik: Küche, Möbel, Wände und Vorhänge. Darauf verweist auch der Titel, der sowohl auf das Material, wie auch auf die Skulptur anspielt.

Zusammen mit Marius sitze ich am Eingang der Probebühne und ich frage ihn, was ihn dazu gebracht hat, ein Stück zu diesem Thema zu schreiben.

MvM: Ich habe eine Schwäche für Putzfrauen. Ich wollte ein abendfüllendes Stück über eine Person schreiben, die anderen in ihrem Haushalt hilft. Schon seit längerer Zeit bin ich von Menschen fasziniert, die eine bestimmte politische Identität haben, die sich also beispielsweise als linksliberal bezeichnen würden und die an den Kampf für die Rechte von Unterprivilegierten glauben, die aber gewisse Hausarbeiten nicht selbst übernehmen wollen. Sie wollen ihre eigene Toilette nicht putzen. Dieses politische Doppelleben interessiert mich: Bestimmte Ideale zu haben, ihnen aber selbst nicht gerecht zu werden.

JP: Wie fühlst du dich, wenn du siehst, dass andere Menschen für dich arbeiten? Wenn du beispielsweise Möbelpackern dabei zusiehst, wie sie deine Sachen schleppen und du daneben stehst und gar nichts tust?

MvM: Das ist ein sehr gutes Beispiel. Es war wirklich ein seltsames Gefühl, als ich zum ersten Mal mit professioneller Hilfe umgezogen bin. Ich konnte nicht nur dastehen und zuschauen. Also habe ich mit den Möbelpackern zusammen die Kartons geschleppt, wobei ich mir aber noch unnützer vorkam. Während ich einen Karton die Treppen hochschleppte, rannten sie mit drei Kartons gleichzeitig an mir vorbei. Es waren alles Bücher, eine intellektuelle Ladung, die ich nicht selbst tragen konnte. Lächerlich.

JP: Vielleicht ist es eine andere Form von Herabwürdigung, dass die Berufstätigen aus der Mittelklasse immer denken: »Wir müssen euch helfen, weil wir finden, dass ihr so schlimme Arbeit machen müsst.« Ist Hilfe anzubieten gleichbedeutend mit fehlendem Respekt?

MvM: Du meinst, ob es herablassend ist? Natürlich hat es etwas Herablassendes, wenn studierte Leute denken, dass sie jemandem in irgendeiner Weise behilflich sein können, der mit den Händen arbeitet. Ein befreundeter Tischler, der eine Garderobe für mich angefertigt hatte, hat mich, als ich ihn fragte, ob ich ihm helfen kann, eines Besseren belehrt, indem er sagte: »Fass mein Holz nicht an.«

JP: Wird nicht ein Tischler, der ein Handwerk gelernt hat, in der deutschen Gesellschaft anders behandelt als Putzpersonal? Es gibt in deinem Stück einen Satz, wo Ulrike zu Jessica sagt: »Natürlich hast du nicht studiert«. Oder wenn sie gefragt wird: »Kommst du aus Polen oder der Ukraine?« Das Stück befasst sich mit einem Teil der berufstätigen Bevölkerung, dem für gute Arbeit zu wenig Respekt entgegengebracht wird.

MvM: Vielleicht gibt es schon so etwas wie Respekt, aber die Leute wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Sie haben nur gelernt, auf politische Art und Weise zu reagieren, d.h. sie für ihre Arbeit gut zu bezahlen. Aber wenn es darum geht, die Putzfrau zu fragen, ob sie bei einer bestimmten Aufgabe besonders vorsichtig sein kann, ist man sofort peinlich berührt. Wir wissen alle nicht, wie man sich in so einem Fall richtig verhält.

JP: Deine Figuren Michael und Ulrike wissen wirklich nicht, wie sie reagieren sollen. Wie hast du diese Konflikte entworfen?

MvM: Ich habe mir peinliche Situationen vorgestellt und dann versucht, diese peinlichen Momente auf die Spitze zu treiben, indem ich so präzise wie möglich versucht habe zu eruieren, was genau daran peinlich ist. Es ist eine Sache, Geld in der Wohnung herumliegen zu lassen, es ist eine ganz andere, darüber zu sprechen, sich zu entschuldigen und damit die Situation noch zu verschlimmern.

JP: Ein weiterer unangenehmer Aspekt deines Stücks ist die Beziehung des Paares zu seinem Kind.

MvM: Ich glaube, dass Eltern heutzutage nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen – wenn sie es je wussten. Die Religion ist glücklicherweise nicht mehr das richtige Werkzeug. Natürlich haben wir in den 60er-Jahren gelernt, dass es nicht gut ist, unsere Kinder zu schlagen, obwohl der progressive Papst aktuell sagt, dass Gott damit kein Problem hat. Also wenden sich Eltern Büchern zu, in denen sie dann lesen, was zu tun ist, wenn ihre Kinder nicht schlafen können und wie viele Minuten man warten soll, bis man ein weinendes Kind tröstet. Die Menschen sind über ihr Privatleben sehr verunsichert. Wir kennen viele Regeln, verhalten uns geschickt in unserem Sozialleben, verstehen die Hierarchien auf der Arbeit und wie wir mit ihnen umgehen sollen – aber wir wissen nicht, was in unseren privaten Beziehungen vor sich geht.

JP: In diesem Stück ist es noch komplexer, weil das Kind gerade die Pubertät durchläuft und die Putzfrau nicht nur für den Sohn zum Objekt des Interesses wird, sondern auch für den Vater, in dessen Ehe keine Kommunikation stattfindet.

MvM: Mit diesem Jungen wollte ich ein Kind zeigen, das verloren ist, die spezielle Art auf die man in dem Alter verloren ist. Du fängst an zu verstehen, dass Erwachsene über bestimmte Dinge nicht sprechen. Du weißt nicht, was es ist, aber du weißt, dass es da ist. Du versuchst es zu verstehen, und das ist entscheidend, aber alle verhalten sich komisch. Und auch wenn deine Eltern mitbekommen, dass du Hilfe brauchst, sind sie nicht die Richtigen, um dir zu helfen. Alles was sie also tun können, ist bestmöglich zu scheitern.

JP: Dein Stück ist ein bisschen wie ein Buch darüber, wie man seine Kinder verpfuscht.

MvM: Trotzdem geben die Eltern ihr Bestes. Unsere Gesellschaft fordert viel von uns: erfolgreich im Beruf, gute Eltern, reich, sexy, mit einem politischen Bewusstsein ausgestattet, gesund und, was am allerschlimmsten ist, glücklich zu sein. Wir sind von unseren Ambitionen überwältigt und natürlich schaffen wir es nicht, sie zu erfüllen.

JP: Du bist den Eltern in diesem Stück sehr gewogen.

MvM: Es war für mich sehr wichtig, dass sie sich gegenseitig nicht hassen, sondern dass sie gegeneinander kämpfen, um füreinander zu kämpfen. Aus diesem Grund fand ich, dass Sexualität eine wichtige Rollte in ihrer Beziehung spielen muss, auch wenn diese Sexualität nur in der Vergangenheit stattgefunden hat. Es muss zwischen den beiden hoch hergehen – oder es sollte wenigstens eine Erinnerung daran existieren. Es muss also eine starke Verbindung zwischen den beiden geben, die sie unabhängig vom Kind, davon abhält, sich zu trennen. Ich wollte, dass dieses Stück aggressiv wird, mit aggressiven Figuren auf der Bühne.

JP: Du meinst Haulupa …

MvM: Ja, es war gut, eine Figur zu haben, die potentiell mit allen kämpfen kann, und das ist Haulupa. Diese laute und in gewisser Weise sehr Raum einnehmende Figur wird von Sebastian Schwarz, einem sehr charismatischen und charmanten Schauspieler gespielt. Selbst wenn einem die Figur irgendwann auf die Nerven geht, hoffe ich, dass man ihn am Ende trotzdem mag. Die private Beziehung, die Sebastian und Robert [Beyer] haben, speist sich auch in ihre Beziehung auf der Bühne. Es macht mir sehr viel Spaß, sie in den Proben zu erleben, weil sie wissen, warum ich diesen Text geschrieben habe.

JP: Kannst du mir noch etwas mehr über den Schreibprozess erzählen?

MvM: Seit ich für mich selbst als Regisseur schreibe, hat sich auch mein Schreibprozess verändert. Früher habe ich unbewusst für irgendwelche Phantom-Regisseure, die ich gerade im Kopf hatte, geschrieben. Heute ist das nicht mehr zwingend so. Ich versuche das zu schreiben, was ich auch gerne mögen würde und bei dem ich gut Regie führen könnte. Ich schreibe auch für die Schauspieler, die ich kenne. Natürlich hat mich auch das Team, mit dem ich schon während der Schreibphase zusammen gearbeitet habe, beeinflusst. Sehr wichtig war beispielsweise die Zusammenarbeit mit Nina Wetzel (Bühne) und Sébastien Dupouey (Video). Das hat sich in den letzten Jahren so entwickelt, und mit den beiden zusammen zu arbeiten ist ein entscheidender Teil meiner Arbeit geworden.

JP: Ist die Arbeit an diesem Stück schon ein Hinweis darauf, wo es als Nächstes hingeht?

MvM: Ich teile seit vielen Jahren ein Studio mit zwei internationalen Künstlern und es gab schon immer eine gegenseitige Faszination für die Werke des anderen. Während ich »Stück Plastik« schrieb, hat sich das gegenseitige Interesse wieder intensiviert. Meine nächsten Schritte könnten also möglicherweise in diese Richtung gehen. Es gab auch vielversprechende Kontakte zu holländischen Institutionen. Die Ergebnisse könnten überraschen.

Aus dem Englischen von Giulia Baldelli


Stück Plastik

von Marius von Mayenburg
Regie: Marius von Mayenburg
Uraufführung




Pearson's Preview




About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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