Pearson's Preview

Für Opfer und Täter sprechen
»Im Herzen der Gewalt« an der Schaubühne

Für Opfer und Täter sprechen
»Im Herzen der Gewalt« an der Schaubühne

von Joseph Pearson

29. Mai 2018

Beim Betreten der Probebühne fällt mein Blick sofort auf das Bett. Es scheint zu schweben, wolkengleich, und die Laken wirkten makellos – wären sie nicht von Blutflecken übersät.

Was wir hier sehen, ist ein Tatort. Ein junger französischer Autor, Édouard Louis, wurde hier vergewaltigt. Der Täter war ein Mann mit Migrationshintergrund. »Maghrebinischer Typus«, wie die Polizei ihn sofort einordnet. Die Umstände und Konsequenzen dieser Gewalttat sind nicht nur Stoff fürs Theater. Thomas Ostermeiers »Im Herzen der Gewalt«, nach Édouard Louis‹ gleichnamigem Bestseller, geht weit über die dramatische Tat hinaus. Die Inszenierung untersucht, wie Gewalt langsam bis in die Fugen der Gesellschaft vordringt. Die sexuelle Verletzung beleuchtet die Grenzen der Freiheit (liberté – wenn man durch Gewalt durch etwas gezwungen wird), Gleichheit (égalité – wenn die Ungleichheit zwischen den Klassen einen bloßstellt) und die Brüderlichkeit (fraternité – wenn das rassistische System die Arbeit aufnimmt).

Ostermeier führt aus: »Ich habe mich für diesen Stoff entschieden, weil er unbedingt erzählt werden muss. Die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Klassen und dem Klassismus wird häufig vernachlässigt, obwohl die Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft zunehmend durch Klassenunterschiede geprägt sind. Aber auch wenn diese Problematik eine Zeit lang vergessen wurde, gibt es zeitgenössische Stimmen, die sich wieder mit dem Thema der Klasse beschäftigen – wie Édouard Louis und Didier Eribon.«

Die Produktion erscheint mitten in einer Zeit, in der die Zeitungen voll sind von Texten zur #Metoo-Debatte. Man ist angesichts des Zeitgeists geneigt anzunehmen, dass sich Ostermeier in seiner Arbeit sowohl mit den #Metoo-Aspekten der Opferrolle also auch mit Machtmissbrauch beschäftigen wird. Doch Ostermeier verneint: »Es gibt keine besondere Verbindung zur #Metoo-Debatte. Im Stück sehen wir keinen Machtmissbrauch, niemanden, der seine Macht zum eigenen Vorteil ausspielt. Hier treffen zwei Benachteiligte aufeinander. Ein Teil der Tragödie der Geschichte ist ja, dass die beiden Männer aus derselben Klasse stammen, sich aber gegenseitig nicht erkennen.«

Wer sind diese beiden Männer, die da aufeinandertreffen? Wer ist das Opfer, wer der Täter?

Opfer

Édouard Louis wird auf der Bühne von Laurenz Laufenberg verkörpert. Ein junger Mann in den Zwanzigern: blond, verletzlich, arglos. Der einen Mann, den er nachts auf der Straße trifft, mit in seine Pariser Wohnung nimmt. Louis kommt aus einer Arbeiterfamilie aus der Picardie im Norden Frankreichs. Die von Missbrauch geprägte Kindheit, die er dort erlebt hat, war Thema seines Romans »Das Ende von Eddy«, der ebenso die Grenzen zwischen tatsächlich Erlebtem und Fiktionalem verwischt.
Im Grunde ist Louis‹ Geschichte eine Erfolgsgeschichte; er kam aus der Provinz nach Paris, um dort an einer der prestigeträchtigsten Universitäten des Landes zu studieren, der École normale supérieure.

Louis wurde »Proll-Phobie« vorgeworfen, da er als Insider – aber eben aus der sicheren Entfernung der Hauptstadt – über die Gewalt und die Homophobie der Arbeiterklasse gesprochen hat. Aber bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass er sich sehr wohl bewusst ist, wie die Provinz reagiert, wenn sie mit dem häufig unerträglichen Snobismus des klassenbewussten Paris konfrontiert wird. Als Louis nach der Tat zu seiner Schwester aufs Land flüchtet, muss er die Demütigung erleiden, als »prätentiös«, »Idiot«, oder seinen Intellekt zur Schau stellend beschimpft zu werden – von seiner Schwester, die immer noch in der alten Heimat lebt und ihre Klasse nicht verlassen hat, hier unbeugsam gespielt von Alina Stiegler. »Im Herzen der Gewalt« wird zum Teil aus ihrer Sicht erzählt: Sie berichtet ihrem Mann von der Vergewaltigung ihres Bruders, während Louis sie hinter der Tür stehend belauscht. Ihre Wiedergabe der Ereignisse zeigt Louis, das Opfer, häufig als selbst verantwortlich für sein Schicksal. Die Konversation zwischen Land und Stadt gerät zu einem Wettbewerb um die Deutungshoheit über die Vergangenheit.

Man hat Édouard Louis in letzter Zeit häufiger an der Schaubühne gesehen, da das Buch seines Freundes Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, im Sommer 2017 von Thomas Ostermeier für die Bühne adaptiert wurde. Ich hatte Louis also zu mehreren Gelegenheiten getroffen und war deshalb um so überraschter, als ich auf die Probebühne kam, und sah, wie Laurenz Laufenberg eine glaubhafte, dramatisierte Version Louis‹ verkörperte – so sehr, dass ich beinahe dachte, es handele sich um den »echten« Édouard. Louis war am Anfang der Proben vor Ort und hat Laurenz Laufenberg sogar beigebracht, so zu laufen wie er.

»Édouard war zu Beginn bei den Proben dabei«, erzählt Ostermeier. »Wenn es nötig war, hat er neue Dialoge für uns geschrieben, für die Fassung, die ich gemeinsam mit dem Dramaturgen Florian Borchmeyer entwickelt habe. Es war sehr hilfreich, ihn dabei zu haben, auch um zu hören, dass er mit unserem Ansatz einverstanden ist. Das war sehr wichtig, schließlich geht es um eine heikle Geschichte, die mit Feingefühl behandelt werden muss. Am Wichtigsten war es, zu verstehen, warum er diesen Roman geschrieben hat: Louis ist nicht nur Autor, er ist auch Protagonist der Geschichte.«

Täter

Unterdessen ist Reda, gespielt vom unwiderstehlichen Renato Schuch, der Vergewaltiger.

Das Produktionsteam hat sich zur Vorbereitung mit einem Spezialisten für Trauma und posttraumatische Belastungsstörung getroffen. Die verschiedenen Phasen der Traumatisierung, wie sie von Opfern von Gewaltverbrechen erlebt werden, lassen sich zu Anfang oft als außerkörperliche Erfahrungen beschreiben, bei denen sich die Zeit zu verlangsamen scheint und das Opfer selbst kaum glauben kann, dass die Tat wirklich stattgefunden hat. Später erleben die Opfer häufig einen Verlust ihrer Aufmerksamkeitsspanne, haben Probleme beim Sprechen und Durchleben eine Achterbahn der Gefühle. Eine eigenartige Begleiterscheinung ist ein verstärkter Geruchssinn. Geruch ist ein Sinn, der stark mit Erinnerung verbunden ist. Geruch durchdringt den Moment der Traumatisierung. Louis reinigt nach der Tat seine Wohnung und seinen Körper, in einem verzweifelten Versuch, den penetranten Geruch loszuwerden, den er mit dem Täter verbindet. Redas Geruch hängt noch in den Laken des Bettes, auf dem die Tat passiert ist; er wird ein Trigger für wiederkehrende Gefühle der Gewalterfahrung; seine Spuren werden zu Beweisstücken bei den polizeilichen Nachforschungen. Die Ermittlung, sagt Ostermeier, ist Teil der »sekundären Traumatisierung«, wie sie von Opfern von Gewalt oder sexuellem Missbrauch erlebt wird, wenn sie ihre Erlebnisse bei der Polizei anzeigen oder im Krankenhaus zur Sicherung von Beweismaterial untersucht werden. Denn »ihre Geschichte muss immer wieder erzählt werden, den Polzisten, den Ärzten, den Forensikern, die Beweismaterialien für die Ermittlung sammeln«. Man denkt, man hätte das Schlimmste hinter sich, um es dann noch einmal durchleben zu müssen.

Reda, als Sohn eines Immigranten, ist sowohl Franzose, also auch der »Andere«. Er ist französischer Mitbürger, dessen Leben mit der jüngeren französischen Geschichte verwoben ist. Er ist Nachfahre eines Kabylen, der Algerien zur Zeit des Bürgerkriegs verlassen musste und Unterschlupf in den temporären Notunterkünften fand, die ihn in ein Leben mit ausbeuterischer Arbeit, geprägt von Rassismus, an den Rand der städtischen französischen Gesellschaft katapultiert haben. Reda stammt zudem aus einem Klima, das traditionell von Homophobie und Armut geprägt ist und lebt zwar in der Hauptstadt, aber an den Grenzen von Louis‹ neuer Welt. Er ist sowohl Insider als auch Outsider – hat also viel mit Louis gemein.

»Am Anfang sorgt ihre unterschiedliche Herkunft nicht für Konflikte«, erzählt Ostermeier. »In einem wichtigen Moment verstehen wir plötzlich Redas Vergangenheit. Seine Identität als ein Einwanderer der zweiten Generation ist keine Entschuldigung für sein Verhalten. Aber man sieht seine Handlungen vielleicht aus einer anderen Perspektive, wenn man über seine Herkunft Bescheid weiß. Redas Welt ist geprägt von einer homophoben Kultur. Seine Kultur ist homophober als unsere – nicht, dass wir im Westen alle Probleme gelöst hätten, aber es gibt Kulturen, in denen Sexualität ein viel größeres Thema ist. Reda hasst sich dafür, schwul zu sein. Und er kann sein Verlangen nach Männern nur ausleben, kann sich sexuelles Vergnügen nur erlauben, wenn es in einen Raub eingebettet ist. Das Verbrechen wird zur Rechtfertigung, seine Bedürfnisse auszuleben.«
In der Tat ist Sex nur dann legitim, wenn er als Taktik für den Diebstahl verschleiert wird (auch wenn der Diebstahl eher eine Entschuldigung für den Sex darstellt). Durch das Nutzen dieser Strategie offenbart Reda – wie es so oft ist – seine eigene Opferrolle.

Ich frage Ostermeier, wie schwierig es war, Gewalt auf der Bühne darzustellen – ein Thema, über das ich kürzlich auch mit einigen Theatermacher_innen des letzten FIND gesprochen habe. Die Regisseure müssen entscheiden, wie explizit sie Gewalt darstellen wollen, wie sie die Spannung steigern, wie sie Gewalt glaubwürdig und bewegend für den Zuschauer machen, der sich in der Sicherheit des Theatersaals befindet. In gewissem Sinn ist Gewalt, in der Prosa, immer »ob-scena«, jenseits der Bühne, aber im Theater kann sie direkt vor unseren Augen stattfinden.

»Wir warten die ganze Zeit auf den Moment der Vergewaltigung. Die Erwartung steigert die Spannung. Aber was wir wollen ist auch das, was die medienerfahrene Gesellschaft erwartet. Sie will hören ›genau so ist es passiert‹. Wir wollen nicht wissen, was vorher passiert ist, wie es dazu kommen konnte, wie das Opfer behandelt wurde. Édouard spielt auf kluge Art – auf wichtige Art – in jedem Teil der Erzählung mit dieser Erwartung: kommt es jetzt? Nein, noch nicht. Er spielt mit unseren Erwartungen der Gewalt. Was das Problem der Darstellung von Gewalt auf der Bühne angeht: Ich bin mir nicht sicher, dass ich es gelöst habe. Es ist sehr schwierig, und man weiß nie, ob man sich richtig entschieden hat.«

»Aber ist das nicht ganz neues Terrain für dich?«, frage ich. »Du beschäftigst dich nicht nur mit dem Thema der Klasse, sondern hier ist die Klasse gefiltert durch die Erfahrungen von Vergewaltigung, Homophobie und die Verletzlichkeit des männlichen Körpers. Nicht ganz deine üblichen Themen.«

Ostermeier erinnert mich daran, dass er sich schon 1998 in seiner Produktion »Shoppen und Ficken« mit sexuellem Missbrauch an einem männlichen Teenager auseinandergesetzt hat. »Aber es stimmt, dass es nicht immer gute Texte gibt, keine Romane oder Stücke, die mutig genug sind, solche heiklen Themen anzusprechen.«

»Und meinst du, dass es eine Rolle spielt, dass du als heterosexueller Regisseur ein Stück über Homosexuelle machst?«, frage ich.

»Ich würde darauf bestehen, dass ich auch als heterosexueller Mann diese Rechte verteidigen kann. Ich kann über Verletzlichkeit sprechen, ohne homosexuell zu sein. Das ist wichtig zu verstehen. Es ist für unsere Gesellschaft essentiell, dass wir Verantwortung übernehmen. Dass wir einander verteidigen. Wir müssen alle Teil dieser Konversation sein. Als Theatermacher, als Person, als Mensch, möchte ich sprechen.«

Vielleicht ist es das, was mit »Brüderlichkeit« (fraternité) gemeint ist.

 

Aus dem Englischen von Franziska Lantermann.

Für Opfer und Täter sprechen

»Im Herzen der Gewalt« an der Schaubühne

 

von Joseph Pearson

 

Beim Betreten der Probebühne fällt mein Blick sofort auf das Bett. Es scheint zu schweben, wolkengleich, und die Laken wirkten makellos – wären sie nicht von Blutflecken übersät.

Was wir hier sehen, ist ein Tatort. Ein junger französischer Autor, Édouard Louis, wurde hier vergewaltigt. Der Täter war ein Mann mit Migrationshintergrund. »Maghrebinischer Typus«, wie die Polizei ihn sofort einordnet. Die Umstände und Konsequenzen dieser Gewalttat sind nicht nur Stoff fürs Theater. Thomas Ostermeiers »Im Herzen der Gewalt«, nach Édouard Louis‹ gleichnamigem Bestseller, geht weit über die dramatische Tat hinaus. Die Inszenierung untersucht, wie Gewalt langsam bis in die Fugen der  Gesellschaft vordringt. Die sexuelle Verletzung beleuchtet die Grenzen der Freiheit (liberté – wenn man durch Gewalt durch etwas gezwungen wird), Gleichheit (égalité – wenn die Ungleichheit zwischen den Klassen einen bloßstellt) und die Brüderlichkeit (fraternité – wenn das rassistische System die Arbeit aufnimmt).

 

Ostermeier führt aus: »Ich habe mich für diesen Stoff entschieden, weil er unbedingt erzählt werden muss. Die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Klassen und dem Klassismus wird häufig vernachlässigt, obwohl die Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft zunehmend durch Klassenunterschiede geprägt sind. Aber auch wenn diese Problematik eine Zeit lang vergessen wurde, gibt es zeitgenössischen Stimmen, die sich wieder mit dem Thema der Klasse beschäftigen – wie Édouard Louis und Didier Eribon.«

 

Die Produktion erscheint mitten in einer Zeit, in der die Zeitungen voll sind von Texten zur #Metoo-Debatte. Man ist angesichts des Zeitgeists geneigt anzunehmen, dass sich Ostermeier in seiner Arbeit sowohl mit den #Metoo-Aspekten der Opferrolle also auch mit Machtmissbrauch beschäftigen wird. Doch Ostermeier verneint: »Es gibt keine besondere Verbindung zur #Metoo-Debatte. Im Stück sehen wir keinen Machtmissbrauch, niemanden, der seine Macht zum eigenen Vorteil ausspielt. Hier treffen zwei Benachteiligte aufeinander. Ein Teil der Tragödie der Geschichte ist ja, dass die beiden Männer aus derselben Klasse stammen, sich aber gegenseitig nicht erkennen.«

 

Wer sind diese beiden Männer, die da aufeinandertreffen? Wer ist das Opfer, wer der Täter?

 

Opfer

 

Édouard Louis wird auf der Bühne von Laurenz Laufenberg verkörpert. Ein junger Mann in den Zwanzigern: blond, verletzlich, arglos. Der einen Mann, den er nachts auf der Straße trifft, mit in seine Pariser Wohnung nimmt. Louis kommt aus einer Arbeiterfamilie aus der Picardie im Norden Frankreichs. Die von Missbrauch geprägte Kindheit, die er dort erlebt hat, war Thema seines Romans »Das Ende von Eddy«, der ebenso die Grenzen zwischen tatsächlich Erlebtem und Fiktionalem verwischt.

Im Grunde ist Louis‹ Geschichte eine Erfolgsgeschichte; er kam aus der Provinz nach Paris, um dort an einer der prestigeträchtigsten Universitäten des Landes zu studieren, der École normale supérieure.

 

Louis wurde »Proll-Phobie« vorgeworfen, da er als Insider – aber eben aus der sicheren Entfernung der Hauptstadt – über die Gewalt und die Homophobie der Arbeiterklasse gesprochen hat. Aber bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass er sich sehr wohl bewusst ist, wie die Provinz reagiert, wenn sie mit dem häufig unerträglichen Snobismus des klassenbewussten Paris konfrontiert wird. Als Louis nach der Tat zu seiner Schwester aufs Land flüchtet, muss er die Demütigung erleiden, als prätentiös«, »Idiot«, oder seinen Intellekt zur Schau stellend beschimpft zu werden – von seiner Schwester, die immer noch in der alten Heimat lebt und ihre Klasse nicht verlassen hat, hier unbeugsam gespielt von Alina Stiegler. »Im Herzen der Gewalt« wird zum Teil aus ihrer Sicht erzählt: Sie berichtet ihrem Mann von der Vergewaltigung ihres Bruders, während Louis sie hinter der Tür stehend belauscht. Ihre Wiedergabe der Ereignisse zeigt Louis, das Opfer, häufig als selbst verantwortlich für sein Schicksal. Die Konversation zwischen Land und Stadt gerät zu einem Wettbewerb um die Deutungshoheit über die Vergangenheit.

 

Man hat Édouard Louis in letzter Zeit häufiger an der Schaubühne gesehen, da das Buch seines Freundes Didier Eribon, »Rückkehr nach Reims«, letzten Sommer von Thomas Ostermeier für die Bühne adaptiert wurde. Ich hatte Louis also zu mehreren Gelegenheiten getroffen und war deshalb um so überraschter, als ich auf die Probebühne kam, und sah, wie Laurenz Laufenberg eine glaubhafte, dramatisierte Version Louis‹ verkörperte – so sehr, dass ich beinahe dachte, es handele sich um den »echten« Édouard. Louis war am Anfang der Proben vor Ort und hat Laurenz Laufenberg sogar beigebracht, so zu laufen wie er.

 

»Édouard war zu Beginn bei den Proben dabei«, erzählt Ostermeier. »Wenn es nötig war, hat er neue Dialoge für uns geschrieben, für die Fassung, die ich gemeinsam mit dem Dramaturgen Florian Borchmeyer entwickelt habe. Es war sehr hilfreich, ihn dabei zu haben, auch um zu hören, dass er mit unserem Ansatz einverstanden ist. Das war sehr wichtig, schließlich geht es um eine heikle Geschichte, die mit Feingefühl behandelt werden muss. Am Wichtigsten war es, zu verstehen, warum er diesen Roman geschrieben hat: Louis ist nicht nur Autor, er ist auch Protagonist der Geschichte.«

 

Täter

 

Unterdessen ist Reda, gespielt vom unwiderstehlichen Renato Schuch, der Vergewaltiger.

 

Das Produktionsteam hat sich zur Vorbereitung mit einem Spezialisten für Trauma und posttraumatische Belastungsstörung getroffen. Die verschiedenen Phasen der Traumatisierung, wie sie von Opfern von Gewaltverbrechen erlebt werden, lassen sich zu Anfang oft als außerkörperliche Erfahrungen beschreiben, bei denen sich die Zeit zu verlangsamen scheint und das Opfer selbst kaum glauben kann, dass die Tat wirklich stattgefunden hat. Später erleben die Opfer häufig einen Verlust ihrer Aufmerksamkeitsspanne, haben Probleme beim Sprechen und Durchleben eine Achterbahn der Gefühle. Eine eigenartige Begleiterscheinung ist ein verstärkter Geruchssinn. Geruch ist ein Sinn, der stark mit Erinnerung verbunden ist. Geruch durchdringt den Moment der Traumatisierung. Louis reinigt nach der Tat seine Wohnung und seinen Körper, in einem verzweifelten Versuch, den penetranten Geruch loszuwerden, den er mit dem Täter verbindet. Redas Geruch hängt noch in den Laken des Bettes, auf dem die Tat passiert ist; er wird ein Trigger für wiederkehrende Gefühle der Gewalterfahrung; seine Spuren werden zu Beweisstücken bei den polizeilichen Nachforschungen. Die Ermittlung, sagt Ostermeier, ist Teil der »sekundären Traumatisierung«, wie sie von Opfern von Gewalt oder sexuellem Missbrauch erlebt wird, wenn sie ihre Erlebnisse bei der Polizei anzeigen oder im Krankenhaus zur Sicherung von Beweismaterial untersucht werden. Denn »ihre Geschichte muss immer wieder erzählt werden, den Polzisten, den Ärzten, den Forensikern, die Beweismaterialien für die Ermittlung sammeln.« Man denkt, man hätte das Schlimmste hinter sich, um es dann noch einmal durchleben zu müssen.

 

Reda, als Sohn eines Immigranten, ist sowohl Franzose, also auch der »Andere«. Er ist französischer Mitbürger, dessen Leben mit der jüngeren französischen Geschichte verwoben ist. Er ist Nachfahre eines Kabylen, der Algerien zur Zeit des Bürgerkriegs verlassen musste und Unterschlupf in den temporären Notunterkünften fand, die ihn in ein Leben mit ausbeuterischer Arbeit, geprägt von Rassismus, an den Rand der städtischen französischen Gesellschaft katapultiert haben. Reda stammt zudem aus einem Klima, das traditionell von Homophobie und Armut geprägt ist und lebt zwar in der Hauptstadt, aber an den Grenzen von Louis‹ neuer Welt. Er ist sowohl Insider als auch Outsider – hat also viel mit Louis gemein.

 

»Am Anfang sorgt ihre unterschiedliche Herkunft nicht für Konflikte«, erzählt Ostermeier. »In einem wichtigen Moment verstehen wir plötzlich Redas Vergangenheit. Seine Identität als ein Einwanderer der zweiten Generation ist keine Entschuldigung für sein Verhalten. Aber man sieht seine Handlungen vielleicht aus einer anderen Perspektive, wenn man über seine Herkunft Bescheid weiß. Redas Welt ist geprägt von einer homophoben Kultur. Seine Kultur ist homophober als unsere – nicht, dass wir im Westen alle Probleme gelöst hätten, aber es gibt Kulturen, in denen Sexualität ein viel größeres Thema ist. Reda hasst sich dafür, schwul zu sein. Und er kann sein Verlangen nach Männern nur ausleben, kann sich sexuelles Vergnügen nur erlauben, wenn es in einen Raub eingebettet ist. Das Verbrechen wird zur Rechtfertigung, seine Bedürfnisse auszuleben.«

In der Tat ist Sex nur dann legitim, wenn er als Taktik für den Diebstahl verschleiert wird (auch wenn der Diebstahl eher eine Entschuldigung für den Sex darstellt). Durch das Nutzen dieser Strategie offenbart Reda – wie es so oft ist – seine eigene Opferrolle.

 

Ich frage Ostermeier, wie schwierig es war, Gewalt auf der Bühne darzustellen – ein Thema, über das ich kürzlich auch mit einigen Theatermachern des letzten FIND gesprochen habe. Die Regisseure müssen entscheiden, wie explizit sie Gewalt darstellen wollen, wie sie die Spannung steigern, wie sie Gewalt glaubwürdig und bewegend für den Zuschauer machen, der sich in der Sicherheit des Theatersaals befindet. In gewissem Sinn ist Gewalt, in der Prosa, immer »ob-scena«, jenseits der Bühne, aber im Theater kann sie direkt vor unseren Augen stattfinden.

 

»Wir warten die ganze Zeit auf den Moment der Vergewaltigung. Die Erwartung steigert die Spannung. Aber was wir wollen ist auch das, was die medienerfahrene Gesellschaft erwartet. Sie will hören ›genau so ist es passiert‹. Wir wollen nicht wissen, was vorher passiert ist, wie es dazu kommen konnte, wie das Opfer behandelt wurde. Édouard spielt auf kluge Art – auf wichtige Art – in jedem Teil der Erzählung mit dieser Erwartung: kommt es jetzt? Nein, noch nicht. Er spielt mit unseren Erwartungen der Gewalt. Was das Problem der Darstellung von Gewalt auf der Bühne angeht: Ich bin mir nicht sicher, dass ich es gelöst habe. Es ist sehr schwierig, und man weiß nie, ob man sich richtig entschieden hat.«

 

»Aber ist das nicht ganz neues Terrain für dich?«, frage ich. »Du beschäftigst dich nicht nur mit dem Thema der Klasse, sondern hier ist die Klasse gefiltert durch die Erfahrungen von Vergewaltigung, Homophobie und die Verletzlichkeit des männlichen Körpers. Nicht ganz deine üblichen Themen.«

 

Thomas erinnert mich daran, dass er sich schon 1998 in seiner Produktion »Shoppen und Ficken« mit sexuellem Missbrauch an einem männlichen Teenager auseinandergesetzt hat. »Aber es stimmt, dass es nicht immer gute Texte gibt, keine Romane oder Stücke, die mutig genug sind, solche heiklen Themen anzusprechen.«

 

»Und meinst du, dass es eine Rolle spielt, dass du als heterosexueller Regisseur ein Stück über Homosexuelle machst?«, frage ich.

 

»Ich würde darauf bestehen, dass ich auch als heterosexueller Mann diese Rechte verteidigen kann. Ich kann über Verletzlichkeit sprechen, ohne homosexuell zu sein. Das ist wichtig zu verstehen. Es ist für unsere Gesellschaft essentiell, dass wir Verantwortung übernehmen. Dass wir einander verteidigen. Wir müssen alle Teil dieser Konversation sein. Als Theatermacher, als Person, als Mensch, möchte ich sprechen.«

 

Vielleicht ist es das, was mit »Brüderlichkeit« (fraternité) gemeint ist.

 

 


Im Herzen der Gewalt

von Édouard Louis
in einer Fassung von Thomas Ostermeier, Florian Borchmeyer und Édouard Louis
Regie: Thomas Ostermeier
Deutschsprachige Erstaufführung


Pearson's Preview




About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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