Pearson's Preview

»Kein Piña Colada«
Herbert Fritsch, Volksbühnen-Vertriebene und ein riesiges Luftschiff

»Kein Piña Colada«
Herbert Fritsch, Volksbühnen-Vertriebene und ein riesiges Luftschiff

von Joseph Pearson

15. September 2017

Man ist beinahe verpflichtet, eine Preview über »Zeppelin«, Herbert Fritschs erste Produktion an der Schaubühne, mit ein paar Worten zur Volksbühnen-Kontroverse zu eröffnen, die sowohl die Presse als auch die Berliner Kulturszene seit mehr als zwei Jahren bewegt. Bis zum Intendantenwechsel hatte Fritsch insgesamt fast 20 Jahre zuerst als Schauspieler und später als Regisseur an der Volksbühne gearbeitet. Nach der Übernahme durch Chris Dercon im Sommer 2017 haben fast alle ehemaligen künstlerischen Mitarbeiter die Volksbühne verlassen.

Als wir uns im Schaubühnen-Café hinsetzen, meint Fritsch wehmütig: »Was ich wirklich traurig finde, ist, wie viel Hass sich aus der Volksbühnen-Debatte entwickelt hat, und in welcher Art und Weise die alte Volksbühne geschlossen wurde. Das war inakzeptabel und undemokratisch. Jetzt geht ein Riss durch die gesamte Berliner Kulturszene«.

Die Schaubühne hat von der Auflösung der alten Volksbühne insofern profitiert, als dass sie neue Künstler für sich gewinnen konnte – eine zwar unbeabsichtigte, aber auch positive Folge. Fritsch hat eine Truppe internationaler Schauspieler mitgebracht, die nun zum festen Ensemble der Schaubühne gehören. Eine von den »Fritsch-Leuten«, wie sie Schaubühnen-intern auch genannt werden, ist Ruth Rosenfeld, deren bisheriges Vagabunden-Leben zwischen Theater und Musik durchaus dem von Ödön von Horváth gleicht: geboren in Los Angeles, aufgewachsen in New York und Israel und jetzt Berlinerin. Oder Florian Anderer, der schon bei einem halben Dutzend Fritsch-Produktionen auf der Bühne stand und jetzt akrobatisch an dem riesigen Luftschiff-Skelett herumturnt. »Ich war gerade dabei, auf Ebay eine alte Led Zeppelin-Platte zu ersteigern, als das Telefon klingelte und mir der Job an der Schaubühne angeboten wurde. Als ich wieder zurück am Computer war, war die Platte weg, aber dafür hatte ich eine andere Art Zeppelin gewonnen«, erzählt er.

Als ich zur Probe komme, singen die »Fritsch-Leute« und die beiden »alten« Ensemblemitglieder Jule Böwe und Alina Stiegler zum Aufwärmen gerade Offenbachs »Belle nuit«. Ich wünschte, ich könnte genau vermitteln, welch eine Helligkeit dieser Gesang dem Raum verliehen hat und was für eine starke Kameradschaft ich innerhalb der Gruppe gespürt habe. Die Spieler haben Spaß daran, gemeinsam in einem Raum zu arbeiten, der ihnen Autonomie ermöglicht. In dieser Situation war mir vollkommen klar, warum sich so viele Menschen vom Theater angezogen fühlen: wegen der Magie, gemeinsam etwas Großartiges zu erschaffen.

Ein paar Stunden früher im Café habe ich gegenüber Herbert Fritsch – charmant, gesellig, bebrillt – seinen »Zeppelin«, der auf verschiedenen Texten von Ödön von Horváth basiert, als eine »Collage« bezeichnet. Daraufhin hat er mich jedoch korrigiert und meinte, er selbst würde viel eher von einem »Cocktail« sprechen.

»Was für eine Art Cocktail denn? Fruchtig, mit einem Schirmchen?« frage ich.

»Nein. Lustig, aber gleichzeitig bitter. Ein Cocktail, der nur süß ist.. furchtbar!«

»Also kein Piña Colada – «

»Nein, kein Piña Colada. Cocktails sind dann spannend, wenn sie auch etwas Explosives an sich haben«.

»Du meinst jede Menge Alkohol?«

»Ja.«

»Oder hat noch jemand heimlich Drogen reingemischt?«

»Eine minimale Dosis. Kann Euphorie hervorrufen.«

»Vielleicht ein Dark and Stormy«, schlage ich vor, und denke dabei an dessen Mischung aus Hell und Dunkel. »Mit dem braunen Rum oben drauf«.

»Ja, ein Dark and Stormy. Aber gekrönt von einer Erdbeere.«

Die Cocktail-Metapher ist mehr als nur ein Spaß. Mit dieser Metapher kann man Fritschs Technik passend umschreiben. Fritsch erläutert: »Was ich mache, ist den Stücktext so durchzuschütteln, dass die Linearität gebrochen wird. Was man bei Horváths Texten gleich bemerkt, ist dass sie sehr kraftvoll sind. Man kann Zeilen aus zwanzig verschiedenen Stücken nehmen, sie durcheinanderwirbeln, und sie haben immer noch einen Sinn. Vielleicht nicht ganz ›Sinn‹, aber doch etwas, das der Verstand begreifen kann. Es gibt eine Bedeutung, aber es gibt auch eine Verschiebung, eine Art literarischen Kubismus. Und das animiert mich; es ist wie ein Cocktail.«

Ödön von Horváth war selbst auch eine wilde Mischung: ein Ungarisch-sprechender Habsburger, im heutigen Kroatien geboren und an diversen Orten des Königreichs sowie in Deutschland erzogen, der schließlich vor den Nazis 1933 nach Wien und nach dem Anschluss Österreich-Ungarns 1938 nach Paris flüchtete. Dort starb er noch im selben Jahr auf der Champs-Élysées in einem Sturm, erschlagen von einem Ast. Horváth hatte nicht nur eine vielseitige Biografie, sondern auch eine Distanz zur deutschen Sprache, die daher rührte, dass er kein Muttersprachler war, sondern Deutsch erst als Teenager gelernt hatte. Fritsch und ich meinen beide, dass es interessant sein könnte, eine Studie über Autoren zu lesen, die sich dazu entschieden haben, in fremden Sprachen zu schreiben. »Wie Joseph Conrad«, sagt Fritsch. Oder Beckett.

Diese Distanz macht Horváths Beziehung zu Sprache eher abstrakt. Er schenkt nicht nur der Bedeutung der Worte Beachtung, sondern auch ihrem Klang. Und bei den Proben von »Zeppelin« stelle ich fest, dass auch Fritsch die Gelegenheit genutzt hat, kreativ mit der Musikalität der Sprache des Autors zu spielen.

Distanz ist eine wesentliche Komponente von »Zeppelin« und Fritsch beschreibt seine Technik als »Filtern«. Er sagt: »Was mich interessiert, ist ein Filter als Interpretation. Das kann Vieles sein: Körperhaltungen, Betonungsarten, der physische Abstand zwischen den Spielern. Eine Verlagerung der Situation auf der Bühne holt auch wieder neue Aspekte aus dem Text heraus«.

Räumliche Filter unterstützen eine Art der Erforschung, die Fritsch eindeutig von, sagen wir, Brecht oder Beckett unterscheidet. »Brecht hatte eine Botschaft, ein Ziel«, sagt Fritsch, »Und ich nicht. Ich diskutiere das Thema, um etwas zu provozieren, aber vielleicht können wir am Ende gar nichts damit anfangen. Vielleicht gibt es keine Bedeutung«.

Wir als Zuschauer sollen nicht an einem bestimmten Punkt angelangen. Wir werden eher mit einem offenen Ende konfrontiert, mitten »im Spiel«. Ist Fritschs Arbeit dann in dieser Hinsicht eher der von Beckett ähnlich? Vielleicht was die Bedeutung von Wortspielen angeht. Aber auch das ist eine falsche Schlussfolgerung: denn Fritschs Leichtigkeit steigt hinauf in die Luft, anstatt hinabgesogen zu werden wie Becketts »Geburt über dem Grab«. Fritschs Helligkeit ist nicht leidvoll, sondern vielmehr leuchtend.

Was »Zeppelin« mit Beckett gemein hat, ist, dass es lustig ist. Ein großer Teil des Witzes ist slapstickhaft und Fritschs Humor erzeugt wieder eine weitere Distanzebene. Er erklärt: »Bei Horváth hat jeder Satz Stärke und Ernsthaftigkeit, aber gleichzeitig auch Humor und echte Leichtigkeit. Es herrscht die Annahme, dass ein Stück, wenn es nicht ernst ist, auch nicht tiefsinnig sein kann. Das ist das größte Missverständnis des deutschen Theaters. Das Schuldgefühl der Deutschen hat großen Einfluss auf unsere Kultur. Ich denke, auf der Suche nach Leichtigkeit ist man in einer besseren Position, um die furchtbaren Dinge, die in diesem Land passiert sind, zu verarbeiten«.

»Ist diese Schuld der Grund für die Humorlosigkeit, die man so oft in deutschen Nachkriegs-Kunstproduktionen findet?«, frage ich, zugegebenermaßen sehr verallgemeinernd.

»Die Deutschen sollten angesichts ihrer Schuld nicht in Erstarrung verfallen, sondern in der Lage sein, diese Schuld in Komödien oder auf eine unbeschwertere Art und Weise zu adressieren«, antwortet Fritsch.

Und tatsächlich ist das Luftschiff die zentrale Metapher dieses Theaterstücks. Man kommt kaum dran vorbei, es hängt über der Bühne wie das eiserne Skelett eines riesigen Wals. Ein gewaltiger, fesselnder Käfig, ein Bild aus dem Horváth-Stück »Kasimir und Karoline«, das auf dem Münchner Oktoberfest nach dem Börsencrash 1929 spielt. Die Protagonisten starren nach oben, auf diese schwankende Form über den Köpfen der Festgesellschaft. In Fritschs Stück hängen die Schauspieler an den Stäben des Zeppelins, innen und außen. Es gibt Momente ängstlicher Spannung, wenn sie versuchen, den Zeppelin anzuheben und es scheint, als würde er auf sie drauf fallen. Aber dann laufen sie, beinahe magisch, unbeeinträchtigt durch das Gitter. Wie ist ihre Beziehung zu dieser großen Struktur? Ist der Zeppelin bedrohlich? Ist er schwer, oder leicht? Die Beleuchtung erzeugt verschiedene Wahrnehmungen seines Gewichts. Die Form bestimmt, was Außen und was Innen ist. Es ist ein perfektes Objekt für Projektionen. Indes schaukelt und schwankt der Zeppelin hin- und her, wie im Traum.

Aus dem Englischen von Franziska Lantermann


Zeppelin

frei nach Texten von Ödön von Horváth
Regie und Bühne: Herbert Fritsch




Pearson's Preview




About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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