Pearson's Preview

Schöne Leichen und Yasmina Rezas »Bella Figura«

Schöne Leichen und Yasmina Rezas »Bella Figura«

von Joseph Pearson

13. Mai 2015

»Bella Figura« ist ein Stück bei dem die Regieanweisung flottement (was Stilllegung, Vagheit und Oszillation bedeutet) oft vorkommt und den Moment des Schweigens meint, in dem die Figuren und das Publikum in einer zweideutigen Spannung stehen. Die Dramatikerin Yasmina Reza (»Kunst«, »Gott des Gemetzels«) schrieb »Bella Figura« speziell für den Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier und ich stelle mir vor, dass sie mit ihm im Hinterkopf diese schwebenden Stille eingebaut hat.

Als sie letztes Jahr in Berlin war, um den Kythera-Preis in Empfang zu nehmen, schaute sie sich Ostermeiers »Die kleinen Füchse – The Little Foxes« an. Vielleicht hat dieses Kammerspiel in Lillian Hellmanns Stück ihre Fantasie angeregt? Diese Momente des flottement, die kinetischen Stillen zwischen Nina Hoss und Mark Waschke, die nun die Hauptfiguren in »Bella Figura« spielen? Weil es genau diesen negativen Raum der Spannung zwischen den Figuren gibt, den Ostermeier so gut herausarbeitet.

In seinem Büro erklärt er bei einer Tasse grünem Tee: »Nachdem Yasmina Reza und ich uns zusammen »Die kleinen Füchse« angeschaut hatten, sagte ich zu ihr, dass es toll wäre, wenn sie ein Stück für dieses Schauspielensemble schreiben würde – und so hat alles angefangen.« Das Projekt ist dann außergewöhnlich schnell in die Tat umgesetzt worden.»Das ist das erste Mal, dass ein von ihr geschriebenes Stück so schnell inszeniert worden ist, worüber sie sehr erstaunt war.« Die ersten Szenen erhielt Ostermeier im November und begann daraufhin direkt mit der Besetzung, das fertige Manuskript war dann im Januar fertiggestellt und die Premiere findet im Mai statt.  Er übersetzte den Text zusammen mit seinem Dramaturgen Florian Borchmeyer aus dem Französischen ins Deutsche.

Ich frage ihn, wie er bei dieser Art von Kammerspiel Regie führt und er antwortet: »Es ist meine Art, die Realität zu erkennen. Vielleicht sehe oder fühle ich die Schwingungen zwischen den Menschen intensiver als Andere. Wenn du mich in ein Restaurant setzt, könntest du mich für drei Stunden da lassen und ich wäre damit zufrieden, einfach nur zu beobachten. Ich versuche permanent zu verstehen, was gerade abläuft, aber ich schaffe es nie vollständig. Ich bin total von Menschen und ihrem Verhalten fasziniert. Also bitte ich die Schauspieler so zu spielen, wie ich die Welt wahrnehme und daraus entsteht dann vielleicht diese dynamische Energie zwischen ihnen«.

»Was suchst du, wenn du Menschen beobachtest?«, frage ich.

»Ich bin davon besessen, hinter die Maske zu schauen«, antwortet er.

»Hinter die Maske?«

»Ja, insbesondere in den Momenten, in denen sie sich unbeobachtet fühlen. Wenn sie sich streiten und dabei vergessen, ihre Fassade aufrecht zu erhalten und ihr wahres Gesicht zeigen. Das ist das Konzept von Theater: In Konflikten zeigen wir unsere wahren Beweggründe, die wir normalerweise zu verstecken versuchen. Unter diesen Umständen sind wir dazu getrieben, laut auszusprechen was wir begehren. Vielleicht verstehen wir generell im rationalen Sinne nicht, wer wir sind. Deshalb versuche ich es in einer dreidimensionalen, sinnlichen Erfahrung herauszufinden, was eben Theater ist.

Reza ist ebenfalls eine scharfe Beobachterin des menschlichen Treibens und es gibt genügend Momente in ihrem Stück, in denen die Fassade bröckelt. Man könnte den Fehler begehen zu denken, dass dieses Stück besseres Boulevard-Theater sei – dies täte dem Projekt, wie Ostermeier erklärt, aber Unrecht. Es wäre tatsächlich ein Fehler, die Produktion auf ein Sittenstück (comedy of manners) zu reduzieren. Auf einer Ebene bedient sich »Bella Figura« bei wohlbekanntem Material: ein Ehemann, der fremdgeht und der mit seiner Geliebten von einer Freundin seiner Frau erwischt wird – und das alles in der moralischen Zwangsjacke der französischen Provinz in der Nähe von Bordeaux. Es gibt aber Elemente im Stück, die viel erschütterndere und existentiellere Themen ansprechen. Das Stück spielt in zweifacher Hinsicht mit Eitelkeit, sagt Ostermeier. Unsere Eitelkeit in Bezug auf unsere äußere Erscheinung, also unser endloser Versuch eine bella figura zu machen. Aber auch eine Eitelkeit im Sinne von Vergänglichkeit und der Absurdität des Alltäglichen.

»In gewisser Weise ist das Stück Boulevard. Andererseits ist es aber viel pointierter und erschütternder als es ein Boulevard-Stück je sein könnte. Es war interessant, heute auf der Probe von den beiden Hauptdarstellern zu hören, dass sie normalerweise nicht von der Produktion träumen, die sie gerade proben. Dieses Stück aber hätte sie so betroffen und traurig gemacht, dass sie in den letzten zwei Nächten angefangen hätten davon zu träumen. Sie entdecken jeden Tag neue Schichten an ihren Figuren. Und das passiert normalerweise nicht, wenn man eine bourgeoise Komödie inszeniert«.

Den Figuren in »Bella Figura« fehlt es an Mut, sagt Ostermeier. Sie sind in ihrem Erscheinungsbild gefangen und das wird im Text anhand bestimmter Signale hervorgehoben, die auf die Welt hinter den Dingen verweist. Das Bühnenbild ist eine sich drehende Bühne, mit einer riesigen Projektionsfläche dahinter. Darauf werden Bilder von Tieren projiziert: Frösche, Heuschrecken, Kakerlaken, Fliegen und vielleicht sogar Hummer. Mücken attackieren die Füße der Figur und lassen sie so anschwellen, dass sie nicht mehr in die teuren Schuhe passen.

»Die Frösche sind sehr wichtig für mich: ›les bruits de la nature me font peur‹ (Naturgeräusche machen mir Angst). Wenn du, unter diesem wunderschönen Himmel mit den vielen Sternen, Angst hast, dann ist das ein sehr existentielles Gefühl. Es ist nun mal so, dass du auf dem Planeten sitzt und zum Himmel aufschaust und das Universum um dich herum siehst, nicht wissend was das alles soll. Und dann hörst du diese geheimnisvollen Geräusche von anderen Tieren, Tieren wie du eines bist. Wenn du all das ernst nimmst, wird dir klar, dass diese Frösche gleichzeitig der Klang eines Paarungsrituals sind. Du bist mit der großen Frage von Eros und Thanatos konfrontiert. Das fühlt sich unangenehm an und gleichzeitig ist es ein existentielles Gefühl, komplett verloren zu sein – ein Geworfensein, um einen großartigen Ausdruck von Heidegger zu benutzen. Ein anderes wunderschönes deutsches Wort ist in diesem Zusammenhang die Unbehaustheit«.

Ich frage: »Welche Antwort können wir auf diesen existentiellen Schrecken haben?«

»Es gibt keine Antwort«.

»Können wir über Mut sprechen?«

»Diese Figuren haben nicht den Mut, die Maske einfach fallen zu lassen. Boris ist nicht mutig genug, seiner Frau zu sagen: Ich hatte für vier Jahre eine Liebhaberin und es ist viel leidenschaftlicher mit ihr, obwohl sie verrückt ist. Entweder wir akzeptieren, dass ich eine Affäre habe oder wir schauen uns in die Augen und gestehen uns ein, dass wir uns trennen müssen. Sein fehlender Mut verursacht viel Leid«.

In der Tat schaffen es die Figuren in diesem Stück nicht, aus ihren Mustern auszubrechen und zu tun, was sie sich wirklich wünschen. Sie beharren auf der Idee des fare bella figura, also gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie sind aber trotzdem nicht mutig genug, um es mit Freude zu tun.

»Später im Stück, beim Essen im teuren Meeresfrüchte-Restaurant, sind sie nicht einmal im Stande ihre Austern zu genießen«, sage ich.

»Nein, wir aber schon«, antwortet Thomas lachend.

»Findest du nicht auch, dass Theater als Kunstform den Schmerz in Bezug auf Eitelkeit und Vergänglichkeit verschlimmert – die Unbeständigkeit der Dinge, die so zentral sind in diesem Stück?«

»Theater ist die wahrhaftigste Kunstform, wenn es um diese Eitelkeit geht«.

»Ist es nicht deswegen so schmerzhaft?«

»Es ist schmerzhaft und wunderschön gleichzeitig«, sagt Ostermeier. »Es ist wie malen: Diese flämischen Stillleben mit Granatäpfeln und verwesenden Leichen. Sie verschwinden alle, sterben aber in unglaublicher Schönheit. Natürlich gibt es Schmerz, aber in dieser Vergänglichkeit finden wir auch Freude«.

Aus dem Englischen von Giulia Baldelli


Bella Figura

von Yasmina Reza
Regie: Thomas Ostermeier
Uraufführung




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About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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