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West-Berlin und »Westalgie«: Wehmut steht im Raum

West-Berlin und »Westalgie«: Wehmut steht im Raum

von Joseph Pearson

28. September 2015

Erinnern Sie sich an die ›Insel im roten Meer‹? Vielleicht haben Sie sogar den größten Teil Ihres Lebens in West-Berlin gelebt und manche Orte, die Ihnen viel bedeuten, riechen noch heute nach dieser Zeit? Oder vielleicht ist es auch definitiv Geschichte, eine Stadt wo Sie zwar geboren wurden, die aber nur noch in der Erinnerung alter Leute existiert? Vielleicht war West-Berlin auch ein Ort, den Sie nie besuchen konnten, bis er dann zu Ihnen kam?
Kann Theater eine Welt zurückbringen, die – für manche – noch gar nicht lange verschwunden ist? Kann Theater diese Welt denjenigen näher bringen, die sie nie gekannt haben?

Als ich eine Probe der neuen Produktion »Westberlin« an der Schaubühne besuche, sitzen die Schauspieler gerade an einer langen Bar, zählen die Namen all der berühmten West-Berliner auf, an die sie sich erinnern können, und fragen sich, wer von ihnen wohl heute noch lebt. Dann eilen sie zu einer Wand, um das berühmte Foto der Kommune 1 von Thomas Hesterberg nachzustellen (komplett bekleidet, übrigens). Regisseur Rainald Grebe – der bekannte Liedermacher und Kabarettist – mischt sich unter das Ensemble auf der Bühne, nickt und nimmt mit ruhiger Stimme kleine Veränderungen vor.

Als wir draußen sind setzt Grebe seine verspiegelte Sonnenbrille auf und erklärt: »Ja, wir suchen nach Namen. Berlin war eine kleine Welt, eine abgeschlossene Stadt in einer abgeschlossenen Zeit. Und diese zwei Millionen West-Berliner kannten sich alle ganz gut. Aber wer kennt diese Namen heute noch? Ich denke immer wieder an unsere Zuschauer: Dem älteren Herrn im Publikum, der sich an alles erinnert, wird gar nicht bewusst sein, dass neben ihm jemand sitzt, der gar nichts darüber weiß, wie es vor der Wende war.«

In der Tat ist es sowohl die Herausforderung als auch der Anspruch der Produktion »Westberlin«, eine verlorene Welt auf die Bühne zu bringen, die für die Hälfte der Zuschauer gelebte Geschichte bedeutet. Und wie könnte das besser gelingen, als dadurch, dass man Berliner auf die Bühne stellt, die West-Berlin selbst erlebt haben.

Grebe sagt: »Was ich gerne tue, ist Schauspieler, die die Geschichte nicht erlebt haben, mit tatsächlichen Zeitzeugen zusammenzubringen. Der Abend hat »echte« Berliner auf der Bühne und erzählt ihre Geschichten von damals. Wir nennen sie ›Statisten‹ oder ›Laiendarsteller‹, aber eigentlich spielen sie die Hauptrolle. Als grobe Struktur haben wir sieben Geschichten von sieben Personen. Zwei erzählen von ihren Erfahrungen in der linken Politik oder der Hausbesetzerszene. Die Laien kommen aus verschiedenen Teilen der West-Berliner Szene – Film, Fotografie, oder auch Politik zum Beispiel. Unsere älteste Darstellerin ist 84 Jahre alt, sie hat alles erlebt, von der Nachkriegszeit bis heute. Manche Szenen werden gespielt, andere werden erzählt; wir nutzen Panoramen und Collagen, mal kommt ein Monolog, mal eine Dia-Schau. Unser Bühnenbild ist eine West-Berliner Kneipe, die aber ein flexibler Raum ist, der auch verändert werden kann. Und dann gibt es natürlich auch Musik: Berliner Lieder aus den 50er Jahren, oder Ausschnitte aus berühmten Berliner Melodien verschiedener Dekaden.« Dann lacht er: »Du siehst, ich mache Regional-Theater!«

Dem alten Ostteil der Stadt, dessen Veränderung nach der Wende und auch der späteren Ostalgie, wurde viel Aufmerksamkeit zu Teil. Wenn über große Veränderungen gesprochen wird, geht es nur selten um West-Berlin. Doch diese durch staatliche Subventionen gestützte Welt – provinziell vielleicht, aber kreativ und mit einer jungen und engagierten Studentenbewegung und politischen Kultur – wurde durch die Wende stark erschüttert. In letzter Zeit wurde Berlin, selbst auf internationaler Ebene, von einer Welle erfasst, die man vielleicht Westalgie nennen könnte: gewachsen noch in 2014 mit der David Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau oder der West:Berlin-Ausstellung im Ephraim-Palais.

Grebe meint: »Westalgie ist in den letzten Jahren im Aufstieg begriffen. Gestern hatten wir eine interessante Diskussion mit einer Frau, der jüngsten unserer West-Berliner Darsteller. Sie ist 52 Jahre alt und kam in den 80er Jahren nach Berlin. Unsere Regiehospitanten, die um die 20 sind, saßen da, hörten ihr zu und konnten gar nicht glauben, wie anders das System damals war. Wir hatten Zeit. Wir hatten keine Geldprobleme. Junge Leute heutzutage machen sich ständig Sorgen, um ihr Abitur, ihren Bachelor, und die mit Geldsorgen fragen sich permanent: Wie kann ich zurecht kommen? Wenn man mit diesem Druck konfrontiert wird, wird man westalgisch. Es war wirklich eine andere Zeit, man hat sechsmal im Monat als Kellner gearbeitet und konnte davon seine Miete zahlen. Man hatte Zeit zum Nichtstun, zum Verrücktsein. Unser Abend wird sich mit dieser Veränderung beschäftigen.«

Ich frage Grebe: »Welche Details hast du im Kopf, wenn du an West-Berlin denkst?«

»Lange Zeit, vor allem in den 50er Jahren, war West-Berlin sehr ›Deutsch‹ und nicht besonders international. Viele sagen, dass sie ihre Stadt nicht mehr wiedererkennen. Es war sehr ruhig, wenige Autos, und man konnte auf der Straße spielen. Der Westen war keine Großstadt. Es gab auch eine spezielle Mode. Da waren so bestimmte ältere Damen im Westen – mit ihren Pelzen, diesem speziellen West-Berliner Make-up – die hatten alle diese Frisuren, diese Udo Walz-Dauerwelle. Es war alles irgendwie aufgemotzt. Ich selbst war nie im Schlosspark-Theater, aber dort konnte man eine Bourgeoisie finden, die es im Osten einfach nie gab. West-Berlin war eine Stadt der mittelständischen Einzelhändler, Apothekenbetreiber zum Beispiel, die relativ wohlhabend wurden. Einer unserer Laiendarsteller hatte einen Blumenladen und hat damit ein ziemliches Vermögen verdient. In den 60er, 70er, 80er Jahren konnte man richtig anständig leben – einfach nur dadurch, dass man gearbeitet hat! Stell dir das mal vor! Diese Klasse ist mittlerweile verschwunden, entweder weil sie verstorben sind, oder eben weil man durch diese Art von Arbeit nicht mehr länger reich werden kann. Und als die Mauer fiel, kam es zu einem Bedeutungsverlust. Viele berühmte Clubs wurden nach der Wende zugemacht. Der Zoo ist kein richtiger Bahnhof mehr, sondern nur noch eine S-Bahn-Station. Geschäfte am Ku’damm mussten schließen, auch wenn sie jetzt wiederkommen. West-Berlin hat keinen Sonderstatus mehr. Wenn wir westalgisch sind, wird uns bewusst, dass wir nicht länger allein sind, dass die Welt bei uns zu Gast ist.«

Die Dramaturgin Maja Zade fügt hinzu: »Und die jungen Leute gingen in den ehemaligen Osten.«

»Ja, ich auch«, ergänzt Grebe.

Sie fährt fort: »Der Westen wurde ein alter Teil der Stadt, so wie es nach dem Krieg war, mit den Trümmerfrauen.«

Grebe nickt: »There was Blues in the House.«

Ich wende mich an Grebe: »Andererseits blickt jede Generation nostalgisch auf ihre Jugend zurück. Ist Westalgie und dieses ganze ›Früher war alles besser‹ nicht bloß ein Ausdruck des Bedauerns über den Verlust der eigenen Jugend?«

Grebe antwortet: »Ja, einerseits stimme ich dir zu, es geht um den Verlust der Jugend. Aber es ist mehr als das. Es geht um eine Veränderung im System. Ein System, zu dem wir nicht zurück können.«

Dann fährt er fort, und berichtet über eine der Laiendarstellerinnen, die aus Bremen nach Berlin gezogen ist, um die links-alternative Szene mitzuerleben. Damals dachte sie, »Wovon wir in Bremen träumen, ist in Berlin Realität«.

»Es war der Höhepunkt der Hausbesetzerszene: 1981 gab es 170 besetzte Häuser«, erklärt Grebe. »Es passierte auch viel in der Musikszene, es herrschte so eine bestimmte Euphorie, ab 1968 war ungefär zehn Jahre lang immer etwas los. Aber dann gab es in den 80ern dieses Gefühl, dass sich Dinge geändert hätten. Die Hausbesetzerszene hat sich relativ schnell aufgelöst, durch Zwangsräumungen. Nur zwei Jahre, nachdem sie aus Bremen gekommen war, war die Szene verschwunden.«

»Sie lebte dann in einem geräumten Haus in Kreuzberg, in der Pfuelstr. 5, wo heute schicke Lofts und ein Radiosender beherbergt sind. Dreißig Leute zogen in eine Fabriketage von 1100 m2. Ein großer Raum, alles offen, ohne Trennwände. Jeder hatte seine eigene Insel, auch wenn einer ein Zelt hatte, und selbst die Toiletten waren offen. Sie haben dort alles probiert, erzählte sie, und sie hatten die Zeit dafür. Sie haben sich politisch engagiert, waren in der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv, sie studierte Jura. Sie hatten einen gemeinsamen Schrank, in dem sie alle ihre Kleider aufbewahrten, aber ein paar Tage später war der Schrank leer. Die besten Teile waren gebunkert worden. Niemand kümmerte sich um das Haus, um die Beheizung zum Beispiel; sie lebten einfach, und langsam aber sicher begann alles zu verrotten. Der Verfall zog sich zwei, drei Jahre hin. Am Ende gab es nur noch Ratten, und Kammerjäger. Das ist ihre Geschichte, aber sie war nicht traurig darüber, sie dachte viel mehr: dann kommt jetzt etwas Neues. Mich interessiert, wie positiv sie damit umgegangen ist, und dass sie etwas Neues gefunden hat.«

Wir unterhalten uns weiter und ich frage: »Du bist natürlich berühmt für deine Musik. Wie verbindet sich diese Welt mit deiner Arbeit im Theater?«, und ich kann mich nicht zurückhalten und füge hinzu: »Werden wir dich auch singen hören?«

Er lacht. »Vielleicht. Wenn ich etwas mache, hat es eigentlich immer einen Revue-Charakter. Die Show ist einfach in mir!« Er lacht wieder. »Das lineare Theaterstück interessiert mich nicht, ich will immer ein Panorama, ohne die vierte Wand.«

»Ich habe noch eine Frage. Soll das Publikum nach dem Stück über einen bestimmten Aspekt von West-Berlin nachdenken?«

Grebe nimmt seine Sonnenbrille ab. »Auf jeden Fall. Das Publikum soll nicht nur nostalgisch werden. Auch jetzt gibt es schon Szenen, deren Geist über das Anekdotische hinausgeht. Es herrscht das Gefühl, dass wir etwas aus dieser Zeit wiedergewinnen könnten, – den Geist der 70er zum Beispiel – das nicht bloß obskur oder eine Randnotiz ist. Stattdessen werden wir uns fragen: Was genau hat sich am System geändert? Die »Statisten« und die Musik werden uns dabei helfen.«

Aus dem Englischen von Franziska Lantermann


Westberlin

Ein Abend von und mit Rainald Grebe
Uraufführung
Regie: Rainald Grebe




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About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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