Danke Deutschland – Cảm ơn nườc Đức

von Sanja Mitrović
Regie: Sanja Mitrović
Uraufführung im Rahmen von FIND 2019


Was macht eine deutsche Staatsbürgerin aus? Wie verändert sich das Verhältnis von Staatsbürger_innen und Einwanderern in der deutschen Gesellschaft unter wechselnden politischen Verhältnissen? Einwanderung aus Vietnam gab es – unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen – in der BRD und der DDR.  In der BRD der späten 1970er Jahre machten sich die konservativen und sozialdemokratischen Parteien stark für die Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Südvietnam, die von den siegreichen Kommunisten verfolgt wurden und als sogenannte »boat people« mit Schiffen über das südvietnamesische Meer geflohen waren. »Boat people« erhielten Integrationspaten, Sprachkurse, Freizügigkeit und hatten es vergleichsweise leicht auf dem Arbeitsmarkt. Die Community wollte ihre Dankbarkeit Deutschland gegenüber dadurch ausdrücken, möglichst nicht auf- oder zur Last zu fallen, »unsichtbar« zu bleiben – und Kritik, etwa am erlebten Alltagsrassismus, keinesfalls zu äußern.  In die DDR wurden ab 1980 Vertragsarbeiter_innen aus dem nordvietnamesischen, sozialistischen Brudervolk entsandt. Sie waren voller Hoffnung und empfanden sich als privilegiert, lebten aber isoliert in Wohnheimen und sprachen kaum Deutsch, Verbindungen mit der DDR-Bevölkerung waren vom System nicht weiter erwünscht. Nach dem Fall der Mauer war ihre Situation über Jahre ungeklärt, der Rassismus flammte neu auf – auch gegen die in der BRD lebende vietnamesische Bevölkerung. Viele machten sich schließlich als Kleinunternehmer_innen selbständig und wurden später als »mustergültige Migranten« gegen andere migrantische Communitys ausgespielt.

Sanja Mitrović ist Schauspielerin, Autorin und Regisseurin und blickt mit der Projektentwicklung »Danke Deutschland« auf zwei wiedervereinigte Länder, Deutschland und Vietnam, in denen Kapitalismus und Kommunismus sich einst unversöhnlich gegenüber standen. Zusammen mit Schauspieler_innen aus dem Schaubühnen-Ensemble, die in der DDR oder der BRD groß geworden oder nach Deutschland eingewandert sind, einer ehemaligen Vertragsarbeiterin, »boat people« und Deutsch-Vietnames_innen der zweiten Generation, blickt sie auf die Bruchlinien, unverheilten Wunden und unbewältigten Konflikte eines wiedervereinigten Landes, auf die sich wandelnden deutschen Vorstellungen von gutem Staatsbürgertum, erwünschten Geflüchteten und Gastarbeiter_innen und dämonisierten Illegalen. Sie trifft auf Kämpferinnen und Humanisten, rassistische Straftäterbanden, Biedermänner und idealistische Politiker, auf Menschen, die in keine Ideologie und kein Schema passen, und beobachtet, wie unterschiedliche politische Systeme für ihre eigenen Zwecke stets neue Bilder von Fremdem und Eigenem hervorbringen.

Premiere am 4. April 2019


Gefördert von der