Film: Rumstick Road

von The Wooster Group
Regie: Elizabeth LeCompte
Saal B


In »Rumstick Road«, einer ihrer berühmtesten Inszenierungen, unternahm The Wooster Group ein zum Zeitpunkt seines Entstehens (1977) für das Theater höchst ungewöhnliches Experiment, das sich in einem Grenzbereich von Schauspiel, Dokumentar- Recherche und Multimedia-Installation bewegt. Spalding Gray wagte auf der Bühne den Versuch, die Geschichte seiner Mutter zu rekonstruieren, die sich nach langem Kampf mit schweren Depressionen, unterbrochen von manischen Episoden der religiösen Ekstase, das Leben nahm. Seine eigenen Erinnerungen vermischen sich auf der Bühne mit Aufnahmen von Interviews, die er mit Familienangehörigen geführt hat, mit Briefen und Filmschnipseln, mit Familienfotos und Bildern seines Elternhauses in der titelgebenden Rumstick Road in einem Vorort von Providence, Rhode Island. Die dokumentarische Spurensuche wird immer wieder durchbrochen durch teils absurd-komische Momente von Schauspiel und Tanz. Die Suche nach Wiederherstellung einer Geschichte aus Fragmenten ist auch das künstlerische Prinzip der Filmfassung des Stücks, im doppelten Sinne: Da von der Originalinszenierung kein vollständiger Mitschnitt existierte, beschloss Elizabeth LeCompte gemeinsam mit dem Filmemacher Ken Kobland, in einem collagenhaften Patchwork aus unterschiedlichen Materialien die Bühnenfassung zu rekonstruieren, die selbst Materialmix ist. So treffen 35mm-Film auf U-Matic- Video, Super-8-Aufnahme, Dias und überspielte Tonbandrollen und machen den Film jenseits eines Stückmitschnitts zu einer eigenen Form von Videokunst. Durch den Abstand von Jahrzehnten wird der Film gleichzeitig zu einer tragischen Chronik eines Suizids, in der die Bühne von der Realität eingeholt wird. Im doppelten Sinne: 2004 nahm sich auch Spalding Gray nach einem langen Kampf gegen seine Depressionen das Leben.

Originalinszenierung: Spalding Gray, Elizabeth LeCompte
Filmische Rekonstruktion: Elizabeth LeCompte, Ken Kobland
Mit: Spalding Gray, Libby Howes, Ron Vawter, Jim Clayburgh

Dauer: ca. 75 Minuten