06.05.2018, 12.00

Streitraum: »Denk ich an Istanbul in der Nacht…«

Carolin Emcke im Gespräch mit Imran Ayata (Autor und Campaigner), Günter Seufert (Stiftung Wissenschaft und Politik), Zeynep Kivilcim (Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin)


Fast zwei Jahre sind seit dem gescheiterten Putsch-Versuch in der Türkei am 15./16. Juli 2016 vergangen. Seither hat ein dramatischer Transformationsprozess demokratische Strukturen und Institutionen unterwandert; tausende Menschen, Richter_innen, Journalist_innen und Politiker_innen, der Unterstützung des Putsches oder des Terrors verdächtigt, wurden inhaftiert, andere mussten ins Exil fliehen. Zugleich eskaliert mit der Intervention der Türkei in Syrien die Gewalt in der Region. Was bedeuten diese Entwicklungen für die Zivilgesellschaft in der Türkei? Mit welchen Mitteln ist eine kritische Reflektion des Alltags in der Türkei noch möglich? Wie wirkt sich die Situation in der Türkei und in den Kurdengebieten auf die hiesige politische Öffentlichkeit aus?

IMRAN AYATA (*1969, Ulm) ist studierter Politikwissenschaftler, Autor sowie Mitbegründer von Kanak Attak. Zuletzt erschien sein Roman »Ruhm und Ruin« (Verbrecher Verlag, 2015). 2013 gründete er zusammen mit Alice Gittermann und Jonas Lieder Ballhaus West | Agentur für Kampagnen. Als langjähriger Freund von Deniz Yücel war er Mitinitiator der Kampagne #freedeniz, die sich für die Freilassung Yücels und aller in der Türkei inhaftierten Journalist_innen sowie für die Freiheit von Information, Meinung, Wort und Kunst einsetzte und weiter einsetzt.

ZEYNEP KIVILCIM (*1971, Ankara) studierte Public International Law in Ankara und Paris. Von 2000–16 lehrte sie in den Bereichen Recht und Gender, internationale Menschenrechte und zu kritischen Ansätzen in Bezug auf Völkerrecht an der Universität Istanbul. Sie beschäftigt sich mit sozialen Bewegungen, Menschenrechten und den Rechten von Geflüchteten unter genderspezifischen und -kritischen Perspektiven. Seit September 2017 ist sie Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Zuletzt veröffentlichte sie gemeinsam mit Jane Freedman und Nurcan Özgür Baklacıoglu den Band »A Gendered Approach to the Syrian Refugee Crisis« (Routledge, 2017).

GÜNTER SEUFERT (*1955, Schweinfurt) studierte Sozialpädagogik, Soziologie und Germanistik. Von 1996–2001 war er Referent und anschließend akademischer Leiter des Orient-Instituts Istanbul (OIIST). Von 2001–04 und von 2007–10 arbeitete er als freier Autor und Journalist, u.a. für die Berliner Zeitung und DIE ZEIT in Istanbul. Seit 2010 ist er Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin mit dem Forschungsschwerpunkt Türkei und Zypern, wo er der Forschungsgruppe EU-Außenbeziehungen angehört. Er veröffentlichte mehrere Bücher, Gutachten und Aufsätze zur Türkei.

Streitraum 2017/18: »Wissen und Macht«

Lange galt der Mythos, wer über Wissen und Bildung verfüge, verfüge auch über Macht und Status. Umgekehrt galt der Zugang zu Wissen und Bildung auch als eine Form der Umverteilung und als Weg aus der Ohnmacht. Der »Streitraum« 2017/18 will fragen, was von dieser Vorstellung noch übrig geblieben ist. Denn offensichtlich gelten auch ganz andere Konfigurationen: Beim Brexit wie auch bei der Wahl Donald Trumps schien Unwissen (oder sogar Lügen) erstaunlich machtvoll zu sein. Der explizite Anti-Intellektualismus verschiedener populistischer Bewegungen probt den systematischen Angriff auf Institutionen der Wissensvermittlung wie Universitäten, Kultureinrichtungen und Theater. In einer Zeit, in der durch digitale Medien der Zugang zu Wissen schneller und breiter als je zuvor ermöglicht wird, sind sie nur eines der Konfliktfelder, in denen Wissen und Unwissen sowie Macht und Ohnmacht verhandelt werden. Wie ungleich oder ungerecht wird Wissen verteilt? Was sind die Ursachen für die fehlende soziale Mobilität in einer Gesellschaft? Wie gelingt es radikalen, politischen Bewegungen und Netzwerken, aber auch autoritären, chauvinistischen Regimen, ihre Ideologien und ihre Verbrechen machtvoll zu propagieren und zu inszenieren? Welche technischen, welche ästhetischen Gegenstrategien kann es gegen die Verbreitung von Lügen, Diffamierungen und Hass geben? Verschieben sich die gewalttätigen Konflikte zunehmend in die Sphäre von Cyber-Wars? Und was bedeutet das für die Kritik daran? Der »Streitraum« will in der Spielzeit 2017/18 diese ganz unterschiedlichen Phänomene in den Blick rücken: die sozialen Fragen der Ungleichheit ebenso wie die Fragen nach autoritären Regimen und den »Unsichtbaren« in der Gesellschaft – und welche Dispositive der Macht sie generieren.


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