28.10.2018, 12.00

Streitraum: #Chemnitz und #metwo – Wer muss hier eigentlich integriert werden?

Carolin Emcke im Gespräch mit Max Czollek


Im Streitraum 2018/19 sollen die Begriffe »Identität« und »Repräsentation« und ihr Verhältnis zueinander beleuchtet werden. Die diesjährige Gesprächsreihe eröffnet Max Czollek, der in seiner kürzlich erschienenen Streitschrift »Desintegriert euch!« (Hanser Verlag, 2018) das schöngedachte, deutsche Selbstbild eines geläuterten Landes, das rechtem Denken keinen Platz lasse, ins Wanken bringt. Welche wohlfeilen Selbstbilder und Narrative erzählt diese Gesellschaft über sich? Wie verwendet sie die Zuschreibungen »guter Migrant, schlechter Migrant«? Welche Rolle spielen die Kategorien von »Authentizität« und »Echtheit«? Welche – verqueren – Vorstellungen von Integration sind vorherrschend – und wie müssen diese angesichts der jüngsten Ereignisse von Chemnitz und der darauffolgenden politischen Debatte überdacht werden?

Max Czollek (*1987, Berlin) besuchte bis 2006 die Jüdische (Ober-)Schule Berlin und schloss anschließend ein Studium der Politikwissenschaften an der FU Berlin an, das er mit einer Promotion am Zentrum für Antisemitismusforschung beendete. Mit Sasha Marianna Salzmann kuratierte er 2016 die Veranstaltung »Desintegration. Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen«. Seit 2009 ist er Mitglied des Lyrikkollektivs G13, organisiert gemeinsame Lesetouren und Veröffentlichungen und ist Kurator des internationalen Lyrikprojekts »Babelsprech«. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift »Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart«. Im Verlagshaus Berlin erschienen bislang die zwei Gedichtbände »Druckkammern« (2012) und »Jubeljahre« (2015). Max Czollek lebt in Berlin.

Streitraum 2018/19: »Identität und Repräsentation«

Wenn heute von Identitäten die Rede ist, ist nicht immer sicher, worauf man sich bezieht: auf kulturelle, religiöse, soziale Gemeinschaften? Auf Geschlecht, Herkunft, Nationalität? In welchen ambivalenten Identitäten lassen sich heute gesellschaftliche Formationen begreifen? Welche Zuschreibungen und Projektionen belasten, welche erleichtern die Zugehörigkeit zu einer sozialen oder religiösen Gruppe oder Lebensform? Welche Bilder, welche Begriffe dienen als Instrumente der Stigmatisierung? Warum bleibt die Kategorie der Klasse so tabuisiert als ob es das nicht gäbe: soziale Ausgrenzung oder soziale Distinktion, die sich vererbt von Generation zu Generation? Was braucht es, damit demokratische Gesellschaften wieder durchlässiger, hybrider, pluraler werden? Wie verhalten sich Identität und Repräsentation zueinander? Nicht nur parlamentarische und politische Repräsentationen sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt, auch die Formen medialer, künstlerischer Repräsentationen gehören hinterfragt. Welche Bilder, welche Erzählungen werden zitiert und wiederholt, welche werden verdrängt und vergessen, wie werden Stereotype erzeugt, in denen Vorstellungen von »echt« oder »unecht«, »wir« und dem »Anderen« sich verhärten? Wie frei, wie streitbar, wie bösartig dürfen Menschen oder Gruppen dargestellt und karikiert werden – und welche Kriterien gelten in der Kunst, in der Musik, im Film oder im Theater?