17.03.2019, 12.00

Streitraum: Literatur und Identität

Carolin Emcke im Gespräch mit Daniel Mendelsohn


Welche Rolle spielt die Literatur bei der Suche nach unserer eigenen Identität? Wie schreiben sich alte Motive, alte Bilder und Vor-Bilder in unser individuelles oder kollektives Selbstverständnis ein? Was bedeutet es, wenn es für bestimmte Menschen keine Erzählungen gibt, wenn sie nicht repräsentiert, nicht sichtbar gemacht werden? Was heißt es für Künstler_innen, Schriftsteller_innen, Regisseur_innen, wenn sie versuchen, einer Person oder einer Erfahrung habhaft zu werden, die als verloren galt oder die tabuisiert wird – oder die man selbst ist? Kaum jemand hat so elegant, so tiefgründig und so originell über die Frage der Identität geschrieben wie der amerikanische Bestsellerautor Daniel Mendelsohn. In seinem neuen Buch »Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich« verknüpft Mendelsohn die Figuren und Motive des klassischen homerischen Epos der »Odyssee« mit seiner eigenen Biografie und der Geschichte der Beziehung zu seinem Vater.

Daniel Mendelsohn (*1960, New York) ist Autor, Kritiker, Essayist und Übersetzer. Er studierte Klassische Philologie an der University of Virginia und Princeton. Als Literaturkritiker schrieb er u. a. für The New York Review of Books, das New York Magazine, The New Yorker und die New York Times. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem National Book Critics Circle Award, dem Guggenheim Fellowship, dem National Jewish Book Award, dem PEN Harry Vursell Prize für Prosa sowie zuletzt mit der James Madison Medal der Princeton University und dem Prix Méditerranée Étranger. Daniel Mendelsohn ist Professor für Literatur am Bard College und zudem Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der American Philosophical Association. Nach »The Elusive Embrace: Desire and the Riddle of Identity« (Knopf Doubleday, 1999) über die Sprache des homosexuellen Begehrens und »Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen« (Kiepenheuer & Witsch, 2010), in dem er den Schicksalen seiner jüdischen Verwandten nachgeht, die im Holocaust umkamen, gibt sein neues Buch, das im März im Siedler Verlag erscheint, Gelegenheit, über die Beziehung von Identität und Repräsentation zu sprechen.

Dolmetscherinnen: Lilian-Astrid Geese und Barbara Chisholm

Streitraum 2018/19: »Identität und Repräsentation«
Wenn heute von Identitäten die Rede ist, ist nicht immer sicher, worauf man sich bezieht: auf kulturelle, religiöse, soziale Gemeinschaften? Auf Geschlecht, Herkunft, Nationalität? In welchen ambivalenten Identitäten lassen sich heute gesellschaftliche Formationen begreifen? Welche Zuschreibungen und Projektionen belasten, welche erleichtern die Zugehörigkeit zu einer sozialen oder religiösen Gruppe oder Lebensform? Welche Bilder, welche Begriffe dienen als Instrumente der Stigmatisierung? Warum bleibt die Kategorie der Klasse so tabuisiert als ob es das nicht gäbe: soziale Ausgrenzung oder soziale Distinktion, die sich vererbt von Generation zu Generation? Was braucht es, damit demokratische Gesellschaften wieder durchlässiger, hybrider, pluraler werden? Wie verhalten sich Identität und Repräsentation zueinander? Nicht nur parlamentarische und politische Repräsentationen sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt, auch die Formen medialer, künstlerischer Repräsentationen gehören hinterfragt. Welche Bilder, welche Erzählungen werden zitiert und wiederholt, welche werden verdrängt und vergessen, wie werden Stereotype erzeugt, in denen Vorstellungen von »echt« oder »unecht«, »wir« und dem »Anderen« sich verhärten? Wie frei, wie streitbar, wie bösartig dürfen Menschen oder Gruppen dargestellt und karikiert werden – und welche Kriterien gelten in der Kunst, in der Musik, im Film oder im Theater?