19.05.2019, 12.00   > Ticket

Streitraum: Krise der Repräsentation – oder: Welchen Journalismus braucht eine demokratische Gesellschaft?

René Aguigah (Deutschlandfunk Kultur), Golineh Atai (WDR), Yassin Musharbash (DIE ZEIT) und Alexander Sängerlaub (Stiftung Neue Verantwortung)


Wen oder was gilt es im Journalismus zu repräsentieren? Wie komplex, wie realitätsgetreu, wie transparent müssen Berichte, Reportagen, Kommentare sein? Was bedeutet es, im Konfliktfeld von Desinformationskampagnen, Fehlinformationen oder politischen Angriffen zu arbeiten? Wie lassen sich andererseits eigene – individuelle oder systematische – Fehlerquellen bekämpfen? Der Fall Relotius war ein spezifischer Fall mit hoher krimineller Energie – jedoch gab es einen Kontext, in dem er geschehen und gedeihen konnte. Welche Aufgaben kommen auf einen Journalismus zu, der sich in einer diversen, pluralisierten Gesellschaft bewehren muss gegenüber den vielfältigen Anfeindungen der Demokratie?

René Aguigah (*1974, Würzburg) arbeitet bei Deutschlandfunk Kultur. Dort leitet er die Abteilung »Hintergrund Kultur und Politik«, in der unterschiedliche Redaktionen zusammengefasst sind, darunter »Literatur« oder »Weltzeit«, »Zeitfragen« oder »Kakadu«. Bis 2010 war er Sachbuch-Redakteur der Zeitschrift »Literaturen «, zuvor Redakteur und Moderator von »Gutenbergs Welt« und »Kritisches Tagebuch« bei WDR 3.  

Golineh Atai (*1974, Teheran) ist Redakteurin und Reporterin in der Tagesschau-Redaktion des WDR. Sie volontierte beim SWR, war Korrespondentin im ARD-Studio Kairo, im Team des ARD-Morgenmagazins, und im ARD-Studio Moskau, wo sie über den Ukraine-Krieg berichtete. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, und 2014 vom medium magazin zur Journalistin des Jahres gewählt.  

Alexander Sängerlaub (*1986, Berlin) ist Publizist und Leiter des Projekts »Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit« der Stiftung Neue Verantwortung, das die Auswirkung der Digitalisierung auf öffentliche Kommunikation, vor allem in Bezug auf Falschinformationen, untersucht. Darüber hinaus ist er Chefredakteur des utopischen Politikmagazins »Kater Demos« sowie Dozent für Politische Kommunikation.  

Streitraum 2018/19: »Identität und Repräsentation«
Wenn heute von Identitäten die Rede ist, ist nicht immer sicher, worauf man sich bezieht: auf kulturelle, religiöse, soziale Gemeinschaften? Auf Geschlecht, Herkunft, Nationalität? In welchen ambivalenten Identitäten lassen sich heute gesellschaftliche Formationen begreifen? Welche Zuschreibungen und Projektionen belasten, welche erleichtern die Zugehörigkeit zu einer sozialen oder religiösen Gruppe oder Lebensform? Welche Bilder, welche Begriffe dienen als Instrumente der Stigmatisierung? Warum bleibt die Kategorie der Klasse so tabuisiert als ob es das nicht gäbe: soziale Ausgrenzung oder soziale Distinktion, die sich vererbt von Generation zu Generation? Was braucht es, damit demokratische Gesellschaften wieder durchlässiger, hybrider, pluraler werden? Wie verhalten sich Identität und Repräsentation zueinander? Nicht nur parlamentarische und politische Repräsentationen sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt, auch die Formen medialer, künstlerischer Repräsentationen gehören hinterfragt. Welche Bilder, welche Erzählungen werden zitiert und wiederholt, welche werden verdrängt und vergessen, wie werden Stereotype erzeugt, in denen Vorstellungen von »echt« oder »unecht«, »wir« und dem »Anderen« sich verhärten? Wie frei, wie streitbar, wie bösartig dürfen Menschen oder Gruppen dargestellt und karikiert werden – und welche Kriterien gelten in der Kunst, in der Musik, im Film oder im Theater?