08.12.2019, 12.00   > Ticket

Streitraum: Gendiagnostik – Hoffnung und Angst

Carolin Emcke im Gespräch mit Sigrid Arnade (Geschäftsführerin Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.), Wolfgang Henrich (Direktor der Klinik für Geburtsmedizin, Charité), Paula-Irene Villa Braslavsky (Professorin für Allgemeine Soziologie & Gender Studies LMU München) und Claudia Wiesemann (Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen und Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats)


Die Weiterentwicklung der Methoden der genetischen Analysen, die Möglichkeit der pränatalen Diagnostik, konfrontiert uns mit einer wachsenden Menge an Informationen über einzelne Menschen und ganze Personengruppen. Das birgt Hoffnung, denn dieses Wissen kann auch helfen, Krankheitsursachen genauer zu verstehen. Aber es birgt auch enorme ethische Herausforderungen, denn diese Techniken berühren auch im Kern unser Verständnis von dem, was »krank« oder »gesund« heißt. Was bedeutet eine »defizit-orientierte« Perspektive auf genetische Variationen? Wenn die pränatale Diagnostik Informationen über den Fetus bereitstellt, die zu einer Entscheidung gegen das ungeborene Leben führen können, wie berührt das unser gesellschaftliches Verständnis von Würde oder auch Solidarität gegenüber Menschen mit Behinderungen? Welche Körperbilder, welche Menschenbilder sind mit diesem neuen Wissen verkoppelt?

Sigrid Arnade ist Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL). Die promovierte Tierärztin nutzt seit 1986 zur Fortbewegung einen Rollstuhl und ist seitdem als Journalistin mit den Schwerpunkten Rechtliche Gleichstellung, Barrierefreies Naturerleben und Behinderte Frauen sowie als Moderatorin und Projektleiterin tätig. Sie ist Mitbegründerin des Deutschen Behindertenrats, für den sie 2005/06 an den Verhandlungen zur UN-Behindertenrechtskonvention in New York teilnahm.

Wolfgang Henrich ist Gynäkologe und Direktor der Kliniken für Geburtsmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seine klinischen Schwerpunkte umfassen die Betreuung von Hochrisikoschwangerschaften und -geburten sowie die pränatale Diagnostik und Therapie. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Diagnostik und Therapie der Frühgeburt, der 3D-Bildgebung und der plazentaren Störungen. Seit 2018 ist er zudem Vorsitzender der Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie in Berlin.

Paula-Irene Villa Braslavsky ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München. Sie promovierte mit einer Arbeit zur Konstruktion des Geschlechtskörpers und habilitierte mit einer Schrift zur Geschlechtersoziologie. Sie forscht und lehrt zu Biopolitik/Körper, Populärkultur, Care sowie soziologischen und Geschlechter-Theorien. Seit 2013 ist sie gewähltes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Claudia Wiesemann ist Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Göttingen und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Ihre Schwerpunkte liegen u. a. auf dem Kind in der Medizin, der Ethik der Forschung am Menschen sowie auf bioethischen und sozialen Implikationen moderner Fortpflanzungstechnologien. Vor ihrer Berufung in den Deutschen Ethikrat war sie u. a. Mitglied der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer sowie Präsidentin der Akademie für Ethik in der Medizin e. V.

Streitraum 2019/20: »Brave New Bodies, Brave New Humanity?«
Wie verändern sich das Denken und auch das Erleben des Körpers und verschiedener Körperlichkeiten im 21. Jahrhundert – und welche Folgen hat das für unsere Vorstellung des Selbst? Wie wir unsere Körper wahrnehmen, wie der Umgang mit dem eigenen Körper erlernt und weitervererbt wird, ist immer schon ein Konfliktfeld kultureller, religiöser, sozialer Praktiken und Überzeugungen gewesen. Wie Körper verhüllt, entblößt, ausgestellt, gepflegt, behandelt werden, mit welchen Bildern Körper in Kategorien von männlich oder weiblich, schön oder hässlich, gesund oder krank, sichtbar oder unsichtbar gemacht werden, ist immer schon normativ und kommerziell ausgeprägt.
Der Streitraum 2019/20 will sich die Frage stellen, wie die medizinisch-technischen Entwicklungen der Prothetik, wie Künstliche Intelligenz und Robotik, aber auch die grundsätzliche Durchdringung und Nutzung digitaler Technologien in allen unseren Lebensbereichen unsere Körper(-Bilder) und unser Selbstverständnis verändern. Was bedeutet Humanismus, was bedeutet ein soziales Wir unter diesen Bedingungen? Welche ökonomischen, kommerziellen Interessen steuern und programmieren die Algorithmen, die über unsere Fitness, unsere Ernährung, unsere Gesundheit mehr und mehr entscheiden? Wie verändert sich unser Selbstbild, aber auch unser Begriff von Begehren, von Sexualität und vom Sterben durch neue Technologien?