Artist in Focus: Angélica Liddell

Artist in Focus: Angélica Liddell

Ab dieser Ausgabe von FIND widmen wir einer bedeutenden Figur des internationalen Theaters einen Schwerpunkt.

Es ist uns eine besondere Freude, dass mit Angélica Liddell eine Künstlerin, die das zeitgenössische Theater wie wenige andere geprägt hat, zugesagt hat, als Auftakt dieser Reihe zwei ihrer neuesten Inszenierungen in deutscher Erstaufführung zu präsentieren. Dazu gibt es eine besondere Aktion mit Angelica Liddell in Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin. Außerdem zeigen wir im Netz über die gesamte Dauer des Festivals bislang in Berlin noch nicht aufgeführte Inszenierungen der Künstlerin.

Im Frühjahr 2022 – wieder zu den angestammten Festivaldaten im April – wird FIND dann in einem Schwerpunkt das Werk des kanadischen Autors, Regisseurs, Schauspielers und Filmemachers Robert Lepage beleuchten.

Die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell, die im Fokus der diesjährigen Festivalausgabe steht, ist der Schaubühne und FIND seit vielen Jahren verbunden. Mit ihrer Gruppe Atra Bilis Teatro hat sie bei zurückliegenden Festivaleditionen mehrere ihrer wegweisenden Arbeiten gezeigt: 2014 ihre unter dem Eindruck des von Anders Breivik in Utøya verübten Massakers entstandene Peter-Pan-Fortschreibung Todo el cielo sobre la tierra (El sindrome de Wendy). 2018 ihre Inszenierung ¿Qué haré yo con esta espada?, in der sie bildgewaltig die Geschichte eines berüchtigten japanischen Kannibalen verknüpft mit dem Terrorismus in unserer vermeintlich hochzivilisierten Gesellschaft. Mit Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken, der Eröffnung von FIND 2017, hat sie eine Inszenierung mit dem Ensemble der Schaubühne erarbeitet. Unter Berufung auf Diderot und Foucault entwirft sie ein dystopisches Europa der totalen Kontrolle über das Individuum.

Gewalt, Überwachung und Grausamkeit und ihr Widerspruch zu einer Zivilisation, die in zynischer Doppelmoral den gutgemeinten Humanismus zur alternativlosen Staatsreligion erklärt hat, sind auch die Leitmotive zweier von Angélica Liddells neuesten Inszenierungen. Im Zentrum steht dabei die Rolle der Künstlerin in der Gesellschaft: ihrer Marginalisierung, ja, moralisierenden Stigmatisierung.

Das zentrale Thema ihrer Arbeit The Scarlet Letter von 2019, in der der scharlachrote Buchstabe »A« gleichermaßen die Ehebrecherin (»Adulteress«) wie die Künstlerin (»Artist«) brandmarkt, führt Angélica Liddell in ihrer während der Pandemie entstandenen Inszenierung Liebestod in konsequenter Weise fort. In Auseinandersetzung mit den »großen Meistern«, die ihr Werk geprägt haben, allen voran Antonin Artaud, hinterfragt sie schonungslos ihre eigene Relevanz als Künstlerin. Zugleich stellt sie sich in die Tradition des legendären Torero Juan Belmonte. Seine Kampfkunst, die den Stierkampf zur spirituellen Disziplin fortentwickelt, und sein tragischer Selbstmord im Jahr 1962, den sie mit dem Denken Emil Ciorans in Verbindung setzt, wird zum Ausgangspunkt einer obsessiven Reflexion über den Tod. Schon drei Monate nach der Uraufführung während des Festivals von Avignon im Juli 2021 wird »Liebestod« nun zum ersten Mal als Gastspiel zu sehen sein.

Parallel zu den beiden Aufführungen auf der Bühne hat Angélica Liddell selbst zwei Aufzeichnungen ihrer früheren Inszenierungen ausgewählt, die während des gesamten Festivalzeitraums auf unserer Website online zu sehen sind: Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy), ihre vielleicht emblematischste Arbeit; und You are my destiny (Lo stupro di Lucrezia), uraufgeführt 2015 bei der Biennale von Venedig, in der der antike römische Missbrauchsfall der Lucretia einer verstörenden Neulektüre unterzogen wird. Online wird dazu auch der Dokumentarfilm Angélica (Una tragedia) von Manuel Fernández-Valdés für die Dauer des Festivals verfügbar sein, der Angélica Liddell bei den Proben von »Todo el cielo sobre la tierra (El sindrome de Wendy)« begleitet. Ein weiterer Höhepunkt der Werkschau ist eine persönliche Führung am 11. Oktober in den Staatlichen Museen zu Berlin, in der Angélica Liddell den Zuschauer_innen Werke der Kunstgeschichte vorstellen wird, die sie in ihrer Arbeit in besonderer Weise beeinflusst haben.
Da durch die pandemiebedingten Abstands- und Hygieneregeln in den Staatlichen Museen Führungen nur mit einer maximalen Teilnehmer_innenanzahl von zehn Personen möglich sind, verlosen wir am 6. Oktober unter allen Besucher_innen, die Karten für die beiden Inszenierungen »The Scarlet Letter« und »Liebestod« gebucht haben, Freikarten für die Führung.