Festival Internationale Neue Dramatik 2021
»Gegenbild und Gegenmacht«
vom 29. September bis 10. Oktober 

Wir begrüßen Sie herzlich zum 20. Festival Internationale Neue Dramatik und laden Sie ein, herausragende neue Arbeiten des Autor_innentheaters – in diesem Jahr aus fünf Ländern und zwei Kontinenten – zum ersten Mal in Berlin zu erleben.

Im Frühjahr 2020 musste das Festival aufgrund der Pandemie zu unserem großen Bedauern kurzfristig abgesagt werden. Umso glücklicher sind wir, einen Teil der im letzten Jahr angekündigten Arbeiten nun präsentieren zu können. Natürlich haben wir auch sehenswerte neue Inszenierungen sowie Gesprächsveranstaltungen im Programm, die die aktuelle Festivaledition komplettieren. Unter dem assoziativen Schwerpunkt »Gegenbild und Gegenmacht« stehen Inszenierungen im Fokus, deren Inhalte und Ästhetiken die herrschenden Strukturen zu brechen suchen und sie aus der Position der Marginalität heraus hinterfragen und unterwandern. So spüren sie die blinden Flecke der Gesellschaft auf und geben den Bildern und Erzählungen Raum, die regelmäßig im gesellschaftlichen Diskurs verdrängt und ausgelöscht werden. Zugleich reflektieren sie über eine Positionsbestimmung der eigenen Kunstform: das Theater als Ort der Auseinandersetzung mit Bildern und Gegenbildern, mit Macht und Gegenmacht.

Artist in Focus: Ab dieser Ausgabe widmen wir einer bedeutenden Figur des internationalen Theaters einen Schwerpunkt. Den Anfang wird dabei 2021 Angélica Liddell machen. Das in seiner Art einzigartige Werk der spanischen Dramatikerin, Regisseurin und Performerin nährt sich, visuell inspiriert von den Werken der abendländischen Malerei, aus der Tradition der spanischen Surrealisten, Artauds Theater der Grausamkeit und den Gegenkulturen des 20. Jahrhunderts. Dabei schlägt die Künstlerin einen großen Bogen des rebellischen Denkens von Diderot über Baudelaire, Rimbaud, Hawthorne, Genet und Foucault bis hin zu Liddells eigener messerscharfer Analyse unserer Gegenwart. Zusätzlich zu den Aufführungen zeigen wir im Netz über die gesamte Dauer des Festivals wegweisende Inszenierungen aus dem früheren Werk der Künstlerin. In ihrer neuesten Inszenierung »Liebestod« bringt Liddell Richard Wagners Mythos und Musik zusammen mit der Geschichte des revolutionären und sagenumwobenen Toreros Juan Belmonte. Sie beschwört die Liebe und den Tod und setzt so ihre Suche nach Erhabenheit in der Tragik fort. Sie kritisiert eine Gegenwart, die den Bezug zur Spiritualität, zum Absoluten und zur Transzendenz zunehmend verliert zugunsten einer vermeintlich wohlmeinenden, an Versöhnung und Konsens orientierten Kultur. Mit »The Scarlet Letter« begibt sich Angélica Liddell in den Kosmos einer kunstfeindlichen Dystopie, die sich aus disparaten Elementen wie dem puritanischen 19. Jahrhundert in Amerika – Schauplatz des gleichnamigen Romans von Nathaniel Hawthorne – oder der Diktatur aus Ray Bradburys »Fahrenheit 451« zusammensetzt: Sinnbild einer Gegenwart, in der Kunst und Philosophie ähnlich stigmatisiert werden wie im Puritanismus der Ehebruch. Und doch besitzen die Gebrandmarkten mit dem scharlachroten Buchstaben »A« – einst für »Adulteress«, heute für »Artist« – das Potenzial zum Bruch mit der totalitären Struktur.

In »Outside« von Kirill Serebrennikov (Moskau), dem es trotz jahrelangen Hausarrests in Russland gelang, weiter Regie zu führen, spiegeln sich eigene Erfahrungen der Repression in der Figur des chinesischen Fotografen Ren Hang. Dessen Werke porträtieren eine neue chinesische Generation in ihrem rebellischen Lebenswillen und einer unangepassten Schönheit, die im scharfen Kontrast zum staatlich verordneten Bild von der Jugend steht.

Mit »salt.« unternimmt die Autorin und Performerin Selina Thompson (Birmingham) den Versuch, eine die offizielle Geschichtsschreibung widerlegende Gegengeschichte der Black British Identity zu schreiben, indem sie selbst als mitreisende Passagierin an Bord eines Containerschiffs die Routen der Sklavenschiffe nachfährt, die ihre Vorfahren aus Ghana nach Jamaika deportierten. Rassismus und patriarchale Machtverhältnisse innerhalb der Schiffsbesatzung machen sie zur Zeugin eines ungebrochen hegemonialen Apparats.

Aus dem Setting einer szenischen Lesung heraus entwickelt der junge kanadisch-amerikanische Autor, Regisseur und Musiker Christopher Brett Bailey (New York/London) in »THIS IS HOW WE DIE« eine von ihm selbst im Stil einer Beat-Poetry-Performance dargebotene, rasant-psychedelische Hommage an die Rebellion der Beatniks, die sich stets auf einem steilen Grat zwischen halluzinogenem Surrealismus, bitterböser soziologischer Satire und persönlichem Bekenntnis bewegt.

Neu in das diesjährige Programm gekommen ist die Inszenierung »LOVE« des Autors und Regisseurs Alexander Zeldin (London). »LOVE« ist Teil der gefeierten Trilogie  »The Inequalities« (»Die Ungleichheiten «), in der sich Alexander Zeldin mit prekären Lebensverhältnissen auseinandersetzt. In diesem Teil prallen in einer Gemeinschaftsküche die verschiedenen Bedürfnisse und Ängste der Bewohner_innen einer Einrichtung für temporäres Wohnen aufeinander.

Teil des Festivals sind zudem die Schaubühnenproduktionen »Kein Weltuntergang« von Chris Bush (London) in der Regie von Katie Mitchell (London) und »Qui a tué mon père« (»Wer hat meinen Vater umgebracht«) von Édouard Louis (Paris), das Thomas Ostermeier gemeinsam mit dem Autor auf die Bühne bringt. In dieser Inszenierung steht Éduoard Louis zum ersten Mal als Performer einer seiner Texte auf der Bühne.

Wie die beiden Produktionen von Édouard Louis und Alexander Zeldin befassen sich auch zwei Podiumsdiskussionen mit den Fragen von Teilhabe und Verteilungsgerechtigkeit: »Ungleichheiten im kapitalistischen Weltsystem« lautet der Titel einer Diskussion mit der Journalistin Vanessa Vu und den beiden Soziologen Sérgio Costa und Stephan Lessenich. In einem weiteren Gespräch setzen sich die Autorin Daniela Brodesser sowie die Kulturanthropolog_ in und Geschlechterforscher_in Francis Seeck mit der zunehmenden sozialen Spaltung unserer Gesellschaft auseinander. Auf dem Programm steht außerdem die szenische Lesung des Stückes »DRAGÓN« von Guillermo Calderón mit Mitgliedern des Ensembles der Schaubühne, eingerichtet von Bastian Reiber. Anlass ist die Veröffentlichung des Publikationsprojekts »Neue spanischsprachige Dramatik« mit zeitgenössischen Stücken aus dem iberoamerikanischen Kulturraum, das im Berliner Neofelis Verlag erscheint. In einem Podiumsgespräch im Anschluss werden das Projekt und seine Hintergründe vorgestellt.
Unter dem Motto »Neue Dramatik in Deutschland und Großbritannien« berichten schließlich junge Dramatiker_innen aus beiden Ländern über ein spannendes Austauschprojekt der Schaubühne mit dem Londoner Royal Court Theatre. Begleitet wurde der Austausch von dem englischen Dramatiker Mark Ravenhill, der auch auf dem Podium sitzen wird. Zusammen mit Matthias Warstat von der Freien Universität Berlin und der Dramaturgin Maja Zade sprechen sie über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der neuen Dramatik hierzulande und jenseits des Ärmelkanals.

Wir freuen uns darauf, Sie beim FIND zu treffen!

Programmübersicht

Mittwoch, 29. September
20.00 Kein Weltuntergang

 

Donnerstag, 30. September

19.00 – 20.30: LOVE

21.00 – 22.45: Outside

 

Freitag, 01. Oktober

18.30 – 20.00: LOVE

20.30 – 21.45: salt.

21.00 – 22.45: Outside

 

Samstag, 02. Oktober

12.00 – 14.00 DRAGON

15.00 – 16.30: LOVE

18.00 – 19.15: salt.

20.00 – 21.45: Outside

 

Sonntag, 03. Oktober

12.00 – 14.00: Ungleichheiten im kapitalistischen Weltsystem

18.00 – 19.15: salt.

20.00 – 21.45: Outside

 

Mittwoch, 06. Oktober

20.00 – 22.00: Liebestod

 

Donnerstag, 07. Oktober

18.30 – 20.30: Liebestod

21.00 – 22.30: Qui a tué mon père

 

Freitag, 08. Oktober

19.30 – 21.15: The Scarlet Letter

20.00 – 21.30: Qui a tué mon père

 

Samstag, 09. Oktober

18.00 – 19.10: THIS IS HOW WE DIE

20.00 – 21.30: Qui a tué mon père

20.30 – 22.15: The Scarlet Letter

 

Sonntag, 10. Oktober

12.00 – 14.00: Armut und Körper

15.00: Neue Dramatik in Deutschland und Großbritannien

17.00 – 18.10: THIS IS HOW WE DIE

19.00 – 20.45: The Scarlet Letter

19.30 – 21.00: Qui a tué mon père
21.30 – 22.40: THIS IS HOW WE DIE

 

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