Festival Internationale Neue Dramatik
20. bis 30. April 2023

Vom 20. bis zum 30. April 2023 ist der Spielplan der Schaubühne wieder ganz dem zeitgenössischen Theater aus verschiedenen Teilen der Welt gewidmet. Das Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) stellt Texte und Inszenierungen aus sieben Ländern und drei Kontinenten vor, die zum ersten Mal in Berlin und Deutschland zu sehen sind. Nach den pandemiebedingten Reisebeschränkungen der vergangenen Editionen richtet FIND 23 sein Augenmerk nach Osten wie Westen über die Grenzen Europas hinaus. Erstmals überhaupt beim FIND sind dabei zwei große Produktionen aus Tawain und Japan zu sehen. Aber auch ein von außen gespiegelter Blick auf das Fortdauern deutscher Kolonialverbrechen gegen Afrikaner_innen im Berliner Stadtleben ist Teil des Programms.

ARTIST IN FOCUS
Seinen Schwerpunkt widmet das FIND in diesem Jahr der Regisseurin Elizabeth LeCompte und ihrem Kollektiv The Wooster Group (New York). Einst in einer Garage in Manhattan gegründet, in der namensgebenden Wooster Street, wo sie immer noch ihren Spielort hat, definiert die Gruppe seit einem halben Jahrhundert die Theatersprache völlig neu. Durch den virtuosen Wechsel zwischen verschiedenen Realitätsebenen und Bildwelten, zwischen Live-Aktionen und vorproduziertem Material ohne lineare Handlung, gilt sie heute als Vorreiterin des Postdramatischen Theaters. Unter der Regie von LeCompte entwickelt The Wooster Group ihre Stücke kollektiv mit ihren zentralen Performer_innen, darunter Kate Valk oder der verstorbene Mitgründer Spalding Gray, sowie mit ihnen verbundenen Künstler_innen, zu denen Größen wie Willem Dafoe, John Malkovich, Laurie Anderson und John Lurie gehörten.

Im Fokus stehen zwei der jüngsten Arbeiten: »A PINK CHAIR (In Place of a Fake Antique)« unternimmt eine szenische Rekonstruktion des letzten Stücks von Tadeusz Kantor, das der polnische Theatermacher 1988 kurz vor seinem Tod inszenierte und in dem er auch selbst mitwirkte. Mithilfe von Kantors Tochter Dorota Krakowska sowie einer Filmaufzeichnung der Inszenierung unternimmt die Gruppe eine Expedition in die Vergangenheit zu der europäischen Theateravantgarde, in der sich die Zeitebenen verschieben. »NAYATT SCHOOL REDUX (Since I Can Remember)« ist eine Reise in die Geschichte von The Wooster Group. Es ist der Versuch eines Reenactments der nur durch fragmentarische Archivmaterialien überlieferten Inszenierung »NAYATT SCHOOL« von und mit Spalding Gray, der darin ausgehend von T.S. Elliots »The Cocktail Party« mit der Monologform experimentierte. Kate Valk steht 44 Jahre später quasi als ihre eigene Rekonstruktion auf der Bühne. Während der Versuch einer getreuen Wiederbelebung in seiner Unmöglichkeit begreifbar wird, gerät er zu einer psychedelischen und komischen Zeitreise in den Irrsinn des Alltags des New Yorker Experimentaltheaters der 1970er-Jahre. Daneben wird Geschichte und Gegenwart von The Wooster Group durch ein Begleitprogramm beleuchtet, etwa durch Gesprächsrunden mit Elizabeth LeCompte und Kate Valk, Kino-Vorführungen der experimentellen Filmarbeiten der Gruppe sowie Online-Streamings von prägenden Inszenierungen.

INTERNATIONALES PANORAMA
Erstmals mit einer größeren Inszenierung in Deutschland zu Gast ist das taiwanesische Kollektiv Shakespeare’s Wild Sisters Group (Taipeh). Seit ihrer Gründung 1995 bringt die Gruppe in unkonventioneller Weise verschiedene Kunstformen auf der Bühne zusammen und setzt dabei auf einen starken Text und szenische Handlung. Um vier Frauen, die vor tiefgreifenden Umbruchsituationen im Leben stehen, dreht sich ihre Produktion »Dear Life«. Sie basiert auf den gleichnamigen Kurzgeschichten der Nobelpreisträgerin Alice Munro, ist aber in ein flirrendes urbanes Universum taiwaneischer Prägung versetzt, das sich aus diversen Fragmenten von der postindustriellen Metropolenlandschaft bis zum traditionellen Puppentheater zusammensetzt.

»Fortress of Smiles (Egao no toride)« nennt, in ironischer Brechung des Operetten-Klischees vom fernöstlichen »Land des Lächelns«, der japanische Theatermeister Kurō Tanino sein Stück, in dem er zwei identisch erscheinende, Wand an Wand gelegene Wohnungen als hyperrealistisch simultan bespielte Schauplätze auf die Bühne bringt. Während in der einen Wohnung eine Gruppe von Fischern ihrer fröhlichen, durch kleine Dissonanzen unterbrochenen Routine nachgeht, spielt sich in der anderen das Drama einer Familie ab, die an der fortschreitenden Alzheimer-Erkrankung der Großmutter zu zerbrechen droht. Wand an Wand gelegen, erweisen sich die beiden Wohnungen als Paralleluniversen, in der disparate Welten nebeneinander existieren und punktuell aufeinandertreffen.

Erstmals einem Berliner Publikum präsentiert sich auch das norwegische Kollektiv Susie Wang um die Autorin und Regisseurin Trine Falch (Oslo). Ihre Arbeit »Burnt Toast« ist Teil einer Horrortrilogie über die menschliche Natur. Angesiedelt in einer mysteriösen Hoteleingangshalle mit Rezeption und Fahrstühlen, entwickelt sich aus einem scheinbar banalen Setting ein groteskes Szenario, das in fantastischer und doch zugleich höchst konkreter Weise als »existenzielles Splatter-Theater für Erwachsene« die menschliche Reproduktion ad absurdum führt.

Neu zu entdecken ist auch der junge galicische Dramatiker und Regisseur Pablo Fidalgo (Vigo) aus dem Nordwesten Spaniens. »Band 1« einer auf mehrere Teile angelegten »Enzyklopädie des Schmerzes«»La Enciclopedia del Dolor. Tomo I: Esto que no salga de aquí« – führt uns in seine von Maristen-Priestern geleitete Schule. Deren Geschichte von sexuellem Missbrauch und Gewalt wurde jahrzehntelang vertuscht (»Das verlässt nicht den Raum«, so der Untertitel) und erst 2021 durch die Zeitung El País aufgedeckt. In radikaler Reduktion der Mittel, gegen jedes Opferpathos und fern von Sensationslust, entwirft Fidalgos Monolog die Radiographie eines Landes, in dem sich Inquisition und Franco-Diktatur noch täglich im Leben spiegeln.

Eine Berliner Geschichte der befremdlichsten Art erzählt der in der Schweiz lebende französische Autor, Regisseur und Schauspieler Cédric Djedje (Genf) in »Vielleicht«. Bei einem Arbeitsaufenthalt im Wedding entdeckte er das Afrikanische Viertel. In teils komischen Erlebnissen begegnet er, selbst Sohn von Eingewanderten aus der ehemaligen Kolonie Elfenbeinküste, einem Stadtteil, der nicht etwa seine afrikanischen Bewohner_innen würdigt, sondern den deutschen Anspruch auf ein Kolonialreich – etwa indem er Kolonialverbrechern Straßennamen widmet, deren Umbenennung bis heute von Anwohnern torpediert wird.

NEUE DRAMATIK AN DER SCHAUBÜHNE
Neben den internationalen Gastspielen sind beim FIND auch wieder drei aktuelle Produktionen neuer Dramatik mit dem Ensemble zu erleben. Zur Premiere kommt die Schaubühnen-Produktion »House of Dance« von Tina Satter (New York). Nach ihrem Whistleblower-Reenactment »Is This A Room« beim letzten FIND bringt die Autorin und Regisseurin ihr Stück über ein Stepptanz-Studio in der Provinz zur deutschsprachigen Erstaufführung. Daneben sind aus dem aktuellen Repertoire der Schaubühne das deutschukrainische Projekt »Sich waffnend gegen eine See von Plagen (ОЗБРОЮЮЧИСЬ ПРОТИ МОРЯ ЛИХ)« von Stas Zhyrkov und Pavlo Arie (Kyiv) sowie »Nachtland« von Marius von Mayenburg zu sehen, das im Dezember seine Uraufführung feierte.