06-10-2018, 12.00

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Streitraum: Konterrevolution – Amerika im Krieg gegen die eigenen Bürger?

Carolin Emcke im Gespräch mit Bernard E. Harcourt (Autor und Professor für Rechts- und Politikwissenschaften an der Columbia University)


Die umfassende Überwachung von muslimischen Gemeinden und Moscheen, die Militarisierung der Polizei, die Kriminalisierung von Protestbewegungen wie »Black Lives Matter« – all das deutet der Rechtstheoretiker Bernard E. Harcourt als Hinweise auf eine paradigmatische Veränderung der amerikanischen Politik. Militärische Strategien und Methoden, die ursprünglich für die Niederschlagung von Aufständen in Kolonien und im Ausland entwickelt wurden, werden nun im Inland angewandt – ohne dass es einen realen Feind gäbe. In seinem aktuellen, zutiefst beeindruckenden und verstörenden Buch zeichnet Harcourt ein düsteres Bild eines amerikanischen Regierungshandelns, das demokratische Grundrechte der Bürger_innen ignoriert und den Rechtstaat unterwandert.

BERNARD E. HARCOURT (*1963) ist Rechtsanwalt und Autor, und befasst sich mit kritischer Theorie. Zuletzt erschien von ihm »Exposed: Desire and Disobedience in the Digital Age« (Harvard, 2015) und »The Counterrevolution: How Our Government Went to War Against Its Own Citizens« (Basic Books, 2018). In seinen Schriften verknüpft er zeitgenössische kritische, soziale sowie politische Theorie und untersucht verschiedene Regierungsformen in der Straf- und Überwachungsgesellschaft – insbesondere in einer Welt nach dem 11. September 2001 und im Zeitalter von Big Data. Er beschreibt die Geburt einer »expositorischen Gesellschaft « und die jüngste Wendung der Vereinigten Staaten, in der Aufstandsbekämpfung als Regierungsform etabliert wird. Der Professor für Rechts- und Politikwissenschaften an der Columbia University begann seine juristische Karriere als Vertreter von zum Tode verurteilten Inhaftierten und führt dies noch heute ehrenamtlich fort. Er engagierte sich außerdem in Menschenrechtsmissionen in Südafrika und Guatemala und hat sich aktiv gegen den »Muslim Ban« der Trump-Administration eingesetzt. Er ist Geschäftsführer der Eric H. Holder Initiative for Civil and Political Rights sowie Gründer und Direktor des Columbia Center for Contemporary Critical Thought der Columbia University. Zudem ist er Professor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris und Herausgeber verschiedener Werke Michel Foucaults bei Gallimard.

Streitraum 2017/18: »Wissen und Macht«

Lange galt der Mythos, wer über Wissen und Bildung verfüge, verfüge auch über Macht und Status. Umgekehrt galt der Zugang zu Wissen und Bildung auch als eine Form der Umverteilung und als Weg aus der Ohnmacht. Der »Streitraum« 2017/18 will fragen, was von dieser Vorstellung noch übrig geblieben ist. Denn offensichtlich gelten auch ganz andere Konfigurationen: Beim Brexit wie auch bei der Wahl Donald Trumps schien Unwissen (oder sogar Lügen) erstaunlich machtvoll zu sein. Der explizite Anti-Intellektualismus verschiedener populistischer Bewegungen probt den systematischen Angriff auf Institutionen der Wissensvermittlung wie Universitäten, Kultureinrichtungen und Theater. In einer Zeit, in der durch digitale Medien der Zugang zu Wissen schneller und breiter als je zuvor ermöglicht wird, sind sie nur eines der Konfliktfelder, in denen Wissen und Unwissen sowie Macht und Ohnmacht verhandelt werden. Wie ungleich oder ungerecht wird Wissen verteilt? Was sind die Ursachen für die fehlende soziale Mobilität in einer Gesellschaft? Wie gelingt es radikalen, politischen Bewegungen und Netzwerken, aber auch autoritären, chauvinistischen Regimen, ihre Ideologien und ihre Verbrechen machtvoll zu propagieren und zu inszenieren? Welche technischen, welche ästhetischen Gegenstrategien kann es gegen die Verbreitung von Lügen, Diffamierungen und Hass geben? Verschieben sich die gewalttätigen Konflikte zunehmend in die Sphäre von Cyber-Wars? Und was bedeutet das für die Kritik daran? Der »Streitraum« will in der Spielzeit 2017/18 diese ganz unterschiedlichen Phänomene in den Blick rücken: die sozialen Fragen der Ungleichheit ebenso wie die Fragen nach autoritären Regimen und den »Unsichtbaren« in der Gesellschaft – und welche Dispositive der Macht sie generieren.


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