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Mit Blick auf die Zukunft: Ostermeiers »Italienische Nacht«

Mit Blick auf die Zukunft: Ostermeiers »Italienische Nacht«

von Joseph Pearson

13. November 2018

Ich betrachte eine Serie von Fotografien, die Thomas Ostermeier und seine Bühnenbildnerin Nina Wetzel zu Recherchezwecken in Niederbayern aufgenommen haben. Ostermeier ist in dieser Region aufgewachsen. Er deutet auf unscheinbare, gekalkte, mit Feuchtigkeitsflecken überzogene Fassaden und dunkle spitze Dächer. Viele der abgebildeten Landgasthäuser sind innen wie außen heruntergekommen, das Mobiliar ist kaputt. Ostermeier erzählt: »Die Gasthäuser sterben in ganz Bayern immer weiter aus, weil die nachfolgende Generation nicht daran interessiert ist, diese Betriebe zu übernehmen. Guck dir das hier an!« – Auf dem Foto sieht man eine Wirtin, die das Bier direkt aus ihrem Fenster an Passanten verkauft. Aber es sieht nicht so aus, als würde diese Form des Ausschanks heute noch oft genutzt. Der Innenraum des Gasthauses hat etwas Geisterhaftes an sich, nur wenige der Plätze, die einst von fröhlichen Runden belegt waren, sind nun überhaupt besetzt.

Die Orte, in denen sich diese Gasthäuser befinden, scheinen zwar auf den ersten Blick vom politischen Leben abgeschieden zu sein, aber mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten rücken die ländlichen Gebiete verstärkt in den Fokus. Beim Betrachten der Bilder dieser verlassenen und brachliegenden Orte komme ich nicht umhin, an die Wahrnehmungen und tatsächlichen Gegebenheiten zu denken, die der Partei »Alternative für Deutschland« Auftrieb geben: Ökonomische Ungleichheit, ein Mangel an Erfahrungen mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und das Gefühl, abgehängt und vergessen zu werden. Bei den bayerischen Landtagswahlen im Oktober 2018 war die AfD nach der CSU mit bis zu 30% der Wählerstimmen in allen niederbayerischen Wahlbezirken die zweitstärkste Kraft. Der Autor Ödön von Horváth beschäftigte sich in seinen »Volksstücken« mit der Auswirkung der politischen Gegebenheiten in ländlichen Gebieten auf die nationale Politik. Die Kleinstadt wird zum Laboratorium politischer Konflikte – besonders in seinem Stück »Italienische Nacht« von 1931. Hier schaffen es die ortansässigen Linken nicht, sich im Angesicht einer faschistischen Bedrohung zu organisieren.

Beim Betreten der Probebühne materialisiert sich diese kleinstädtische Welt zu meiner Überraschung direkt vor meine Augen. Gerade wird die fünfte Szene geprobt, in einem Landgasthaus, das denen von Thomas Ostermeiers Fotos nachempfunden ist. Ein Leuchtschild, auf dem »Gasthaus Lehninger« steht, ein alter Zigarettenautomat an der rustikalen Fassade, zu dessen Füßen sich eine Urinpfütze gebildet hat. Leute gucken zu den Fenstern herein, belauschen Gespräche. Dann beginnt sich die Bühne zu drehen und das leicht heruntergekommene Innere wird sichtbar. Es wirkt zeitlos und könnte von heute oder von vor fünfzig Jahren sein. Alles ist in italienischen Farben dekoriert, mit Girlanden, einer umfunktionierten Weihnachtslichterkette. Eine Kleinstadtband, die »Riccardos«, spielen Trompete, Gitarre und Synthesizer. Es ertönen Lieder wie »Now or Never« oder eingedeutschte Versionen italienischer Popsongs. Songs, die »es beinahe geschafft hätten«, wie Ostermeier es formuliert. Die Gäste sitzen währenddessen mit Bierkürgen in der Hand auf dunklen Holzstühlen an Tischen mit abgerundeten Ecken und künstlichen Blumen.

Eine Gruppe Kommunisten lümmelt in der Ecke herum, rauchend, in aufgeplusterten Jacken und raumgreifender Körperhaltung – das Inbild des Machotums der Machtlosen. Vielleicht erholen sie sich gerade von einer Kneipenschlägerei oder warten auf die nächste politische Katastrophe.

Horváths Stück beinhaltet im Original eine Serie von Bildern ländlichen Lebens, von denen jedes einzelne eine Szene des Stücks rahmt. In Ostermeiers Inszenierung wird das Stück jedoch zu einer kontinuierlichen Handlung verdichtet, so dass es mehr wie ein Film wirkt. Wie in einer einzelnen Einstellung aufgenommen, wechseln sich Szenen vor und im Gasthaus durch die sich drehende Bühne übergangslos ab. Der Effekt, der durch diese Art der Inszenierung erzielt wird, hat etwas von einem Fries und ruft Erinnerungen an Filme von Fellini oder Visconti wach. Ich bin beeindruckt, wie viele Menschen auf der Bühne sind, ohne dass es jemals chaotisch wird.

Thomas Ostermeier, der in einem Drehstuhl sitzt und die Bühne beobachtet, dreht sich zu mir um und ich frage ihn, ob in der Produktion auch Video zum Einsatz kommen wird oder ob er dieses Stilmittel, was häufig als sein Markenzeichen gesehen wird, dieses Mal verworfen hat. Er antwortet, dass er das Gefühl vermitteln wollte, die Ereignisse seien fließend, dabei aber auf den Effekt des Videos verzichten wollte. Und trotzdem macht die Produktion einen filmischen Eindruck: Die Bewegungen der Bühne erzeugen diese Wirkung für den Zuschauer. Wir sehen Szenen, die uns auf Distanz halten, in denen wir uns in der Menge verlieren können, um dann durch die Drehung der Bühne Zeuge vertrauter Momente zu werden. »Es ist tatsächlich viel schwieriger, diesen Effekt ohne Video zu erzielen«, bemerkt Ostermeier.

Währenddessen erhebt auf der Bühne einer der Kommunisten die Stimme und zitiert Horkheimer: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen!«

Und plötzlich sind wir mitten in einer politischen Debatte. Man könnte das Stück als eine Verspottung der Linken verstehen: Die Sozialdemokraten schmeißen Partys, die Kommunisten sind hinterhältig und ideologisch, beide Lager können sich auf gar nichts einigen und in ihrer Uneinigkeit sind sie nicht in der Lage, sich den Faschisten entgegen zu stellen, die währenddessen am anderen Ende des Dorfes Schießübungen veranstalten. Die Linke verliert an Anziehungskraft für die Arbeiter, die sie eigentlich repräsentieren sollte.

»Wenn wir das Stück wie geplant vor sechs Monaten zur Premiere gebracht hätten, dann wäre es noch vorausahnend gewesen. Jetzt ist es einfach nur aktuell«, erzählt Ostermeier.

Tatsächlich war die Premiere ursprünglich für März geplant, musste aber wegen eines Krankheitsfalls im Ensemble verschoben werden. Wenn man sich jetzt die Ergebnisse der SPD in den bayerischen und hessischen Landtagswahlen ansieht, hätte man sagen können, die Produktion habe die Ohnmacht der traditionellen Linken geradezu herbeigerufen (obwohl mittlerweile die Grünen als mäßigende Kraft hervorgetreten sind).

Doch aus meiner Sicht macht die Premierenverschiebung die zeitgenössische Resonanz des Horváth-Stücks kaum weniger bemerkenswert.

Das Ensemble musste nur wenige Änderungen am Text vornehmen, um das heutige politische Klima zu spiegeln. So wurde zum Beispiel die Rhetorik der Rechten dahingehend modernisiert, dass auf Texte der Identitären Bewegung zurückgegriffen wurde.

»Es ist erstaunlich, wie viel wir heute noch mit Horváths Darstellung der sozialdemokratischen Linken anfangen können. Das Stück beschreibt auch, wie die Sozialdemokraten die Landbevölkerung nicht mehr zu erreichen vermögen und diese von den Faschisten infiltriert wird. Die Spaltung zwischen Großstädtern und Landbewohnern ist verblüffend aktuell. Wir sehen auf der Bühne eine Realität, die wir alle gern ignorieren würden. Eine Welt, die der Großteil des Publikums hinter sich gelassen hat, denn die meisten Berliner, die ich kenne, kommen aus der Provinz, möchten aber mit ihren Herkunftsorten nichts mehr zu tun haben. Es ist wie ein geteiltes Land, in dem die Großstädter den Rest der Bevölkerung vergessen haben. Das steht auch im Stück. Und es wird interessant, das mitten in Berlin, einer Stadt, die sich für so weltoffen und kosmopolitisch hält, auf die Bühne zu bringen. Ich bin wirklich gespannt, wie das funktionieren wird.«

Auch wenn es sowohl in den Medien als auch in der Kultur die Tendenz gibt, heutige Ereignisse mit denen der Weimarer Republik zu vergleichen, ist die politische Konstellation in Horváths Stück doch nicht dieselbe. Ostermeier formuliert es so: »Es scheint vielleicht, als würden wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen, aber die aktuelle Situation ist natürlich anders. Das Gegenteil zu behaupten wäre banal. Ich versuche zu provozieren, vielleicht zu schockieren, damit wir verstehen, wo wir schon einmal waren.« In der Tat trifft es das Mark Twain zugeschriebene Zitat »History doesn’t repeat itself but it rhymes« (Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich) auf den Punkt. Das Stück bietet ein Gerüst, anhand dessen wir unsere Fähigkeit, auf rechte Kräfte zu reagieren, analysieren können.

Ich frage, ob das Stück Lösungen anbietet, wie die Spaltungen innerhalb der Linken zu überwinden wären, oder ob es zumindest Handlungsempfehlungen formuliert, die uns in der aktuellen politischen Situation helfen könnten.

Ostermeier antwortet: »Nein, es bietet keine Lösungen. Es stellt vielmehr die richtigen Fragen. Aber meinst du, ein Stück, das diese Fragen beantwortet, wäre interessant? Ich würde sagen: Nein.«

»Und wie soll es jetzt weitergehen?«, frage ich.

»Wenn du nach Lösungen suchst, schau dir die weiblichen Charaktere in dem Stück an«, schlägt Ostermeier vor. »Oder überlege, was wir tun können, um eine populäre Ästhetik für die Linke zu entwickeln, die tatsächlich eine Gegenkultur sein kann, die junge Menschen mitzieht. Denk an die #unteilbar-Demonstration Anfang Oktober in Berlin. Da haben Menschen aus den unterschiedlichsten Kreisen zusammengearbeitet und gemeinsam demonstriert. Man braucht eine umfassende Botschaft – wie Umverteilung, Antirassismus oder Respekt für Diversität – um Solidarität herzustellen, die über die haarspalterischen Diskurse hinausgeht, in die sich die Linken häufig verstricken.«

Die Bühne dreht sich erneut. Vielleicht werden wir von der Bewegung hineingesogen. Thomas meint, das Set sei »ein bisschen unheimlich, wie ein Spukhaus«. Und während ich die geisterhaften Bewegungen beobachte, frage ich mich, was uns das Stück wohl in sechs Monaten über die deutsche Politik sagen wird, und ob es vielleicht erneut unvorhergesehen vorausahnend war. Möglicherweise werden wir entsetzt sein.

*

Apropos: Die Zukunft ist auch Thema einer Konferenz an der Schaubühne am 25. November mit dem Titel »Welche Linke wollen wir?«.

Aus dem Englischen von Franziska Lantermann


Italienische Nacht

von Ödön von Horváth
In einer Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie: Thomas Ostermeier


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About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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