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Pearson's Preview

Rock, Balzac und Neoliberalismus:
»Das Leben des Vernon Subutex 1« an der Schaubühne

Rock, Balzac und Neoliberalismus:
»Das Leben des Vernon Subutex 1« an der Schaubühne

Von Joseph Pearson

22. Oktober 2020

Diesmal besuche ich die Probe der Schaubühne nicht wie sonst auf der Probebühne in Reinickendorf, sondern direkt in Saal A am Kurfürstendamm. Denn nach der Schließung der Theater im März nimmt die Schaubühne ihren Betrieb erst wieder Mitte Oktober auf, sodass die Bühnen im Haupthaus für Proben genutzt werden können. Im Café sind schützende Plexiglaswänden aufgestellt und die Proben werden durch regelmäßige Tests und extra dafür eingeteilte Mitarbeiter_innen begleitet, die die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln gewährleisten.

Die neueste Inszenierung von Thomas Ostermeier, »Das Leben des Vernon Subutex 1« nach dem Roman von Virginie Despentes beweist Durchhaltevermögen. Die Premiere war ursprünglich für Mai 2020 geplant. Mittlerweile ist es Oktober und die Premiere ist für November angesetzt. Aber auch für dieses Datum gibt es keine Garantie. Trotzdem arbeiten alle weiter.

Ich war seit vielen Monaten nicht mehr im Theater. Wenn ich jetzt den Saal betrete, weckt der Anblick des verschachtelten Bühnenbilds, das sich wie eine Schallplatte unter atmosphärischen Lichtern dreht, starke Gefühle. Das ist eine soziale Welt, die für die meisten von uns derzeit tabu ist: Livemusik! Eine Rockband! Ruth Rosenfeld singt Sonic Youths »Bull in the Heather«, ihre Hände flattern um ihren wiegenden Körper, umgeben von Chrom, Leder, schwarzen Röhren und Neonlicht. Eine Pistole hängt wie ein Omen über der Szene. Das gesamte Spektakel mit seinem Gerüst und den Video-Screens wirkt wie eine riesige Installation.

Thomas Ostermeier erzählt mir, dass er den Spirit eines Rockkonzerts schaffen wollte.

»Das Set ist wie eine Bar oder ein Club in Kreuzberg, in dem ich mich wohlfühlen würde, eine heruntergekommene Wohnung, ein alter Plattenladen, das Gefühl dieser Welt, die wir mit zwanzig kannten, aber die jetzt weg ist. Was ist aus der Rock'n'Roll-Kultur geworden? Aus Punk und unseren Idealen von Anarchie und Weltverbesserung?«

Auch wenn Berlin bei der Übernahme von Läden durch große Ketten möglicherweise Paris etwas hinterherhinkt, wird die Geschichte des Protagonisten, der obdachlos wird, nachdem er seinen Plattenladen verloren hat, auch hier funktionieren.

»Die Berliner kennen den Geist von SO36 und besetzen Häusern. Leute aus jeder Stadt werden erkennen, was passiert, wenn man seinen Lebensunterhalt als Bassgitarrist in einer mittelmäßigen Punkband verdient hat und nicht berühmt wurde. Mit 50 kann man kein Rock'n'Roll-Star mehr werden. Und dann fliegst du auch noch aus deiner Wohnung raus«.

Die Atmosphäre der Welt auf der Bühne ist von Wirtschafts- und Finanzkrisen bedroht. Videoprojektionen geben uns Einblicke in die Eingeweide von Paris: Obdachlose, Supermärkte, ein alter Mann, der Tauben aus seinem Einkaufswagen heraus füttert. Die Corona-Krise hat das alte Problem der Einkommensungleichheit nur noch verschärft und die Schließung so vieler dieser Rocker-Lokale beschleunigt.

Ostermeier erzählt mir: »Durch Corona sind viele Musiker_innen in Schwierigkeiten geraten. Virginie Despentes glaubt, dass COVID mehr Vernons hervorbringt - mehr Opfer«.

Die Band auf der Bühne wird lauter. Henri Jakobs haut in seinen Bass.  Ten, twenty, thirty, forty /Tell me that you want to scold me / Tell me that you adore me / Tell me that you're famous for me. Ein Video führt uns in die Unterführung einer Pariser Schnellstraße. Auf der Bühne flackert das Bild einer Frau, die stur auf ihr Handy starrt. Man hat das Gefühl, vorwärts getrieben zu werden. Die Bühne dreht sich.

Ostermeier bemerkt meinen Blick: »Wir haben nicht die gängigen Rock-Hits ausgewählt. Nichts, was jeder sofort erkennt. Wir haben uns ein paar Perlen der Rockgeschichte rausgesucht: Dead Kennedys, Gang of Four. Vielleicht wird die Inszenierung als Ganzes ja nur von Menschen verstanden, die diesen Musikgeschmack teilen, die radikal links waren, Häuser besetzt haben und Teil der ›Gegenkultur‹ waren. Das ist ein Abend für Kenner_innen«.

Virginie Despentes' Roman »Das Leben des Vernon Subutex 1« wurde 2015 am Morgen nach dem Charlie Hebdo-Angriff veröffentlicht. Sie hat ein Gespür dafür, soziale Themen zu antizipieren: Ihr Roman und Film »Fick mich« (»Baise-Moi«, 1994/2000) und der Essay »King Kong Theory« feiern einen französischen Neo-Feminismus. In diesen Büchern zelebriert sie eine aggressive weibliche Sexualität, die die bekannten feministischen Einwände gegen Pornografie und Prostitution herausfordert. Despentes‘ »Vernon Subutex« -Trilogie (2015-2017) aber blendet explizite Sexualität aus. Stattdessen nimmt sie die Krise einer Generation ins Visier – die Generation X in ihren Fünfzigern, die Entfremdung durch den Neoliberalismus, politischen Extremismus, rechte Gewalt und Dschihadismus. 

Das erzählerische Vehikel für diese Kritik ist ein »Ehemaliger«: Vernon, Nachname Subutex (der wie eine kluge Zeile aus einem französischen Chanson sowohl den Heroinentzug als auch eine Einladung zum aufmerksamen Lesen des Subtextes nahelegt). Nach der Pleite seines Plattenladens ist Subutex obdachlos. »Die Vinyl-Krise« ist nur ein Symbol für die im Buch untersuchte Krise der Arbeitslosigkeit durch Automatisierung und technische Rationalisierung. Subutex ist gezwungen, alte Freund_innen und Feinde anzusprechen, um auf deren Sofas zu schlafen. Der Couch-Surfer irrt – wie Kästners »Fabian« im Berlin der 30er Jahre - mittellos durch Paris und stolpert in das Leben dieser ehemaligen Groupies der 90er-Band, die zu neoliberalen Untertan_innen herangewachsen sind und, besessen von Ruhm, Geld und Selbstverwirklichung, längst Opfer ihrer Sehnsüchte geworden sind. 

Despentes‘ Art zu schreiben könnte einen wütend machen. Ihre Sprache ist grob; sie zensiert nicht die rassistische und sexistische Ausdrucksweise ihrer Figuren. Der Sound des beständigen Name-Droppings - von verstorbenen Bands, von Clubs und Apps – gibt den Takt vor. Es ist der vergängliche Schrott der Popkultur, von dem man vielleicht über die Vinyl-LPs in Vernons Plattenladen gehört hat, bevor der Laden vor die Hunde ging. Die umherstreifende Autorin birgt wie allwissend verschiedenste Erzähler_innen in sich, denen wir im Gefolge des obdachlosen Vernon begegnen. Deren jeweilige Geschichte kann entweder als heimliches Vergnügen - oder hässlicher Voyeurismus begriffen werden, je nachdem, was man von der »Nutten-Party« (wie sie sagen würde) hält.

Inmitten dieses Dreckhaufens (ich stelle mir jemanden in Perlen und Stilettos vor, der in Mülltonnen wühlt) versteckt sich die Leere, die ein kürzlich verstorbener Rockstar, Alex Bleach, hinterlassen hat. 

»Vernon Subutex« will es dem/der Leser_in nicht bequem machen. Der Müll wurde von Despentes sorgfältig organisiert und darin suchen wir nach etwas. Jeder ist hinter dem beißenden Geruch des verstorbenen Stars Alex Bleach her, hinter der reinigenden, aber ätzenden Kraft seines Namens. Die Leere, die sein Tod hinterlässt, steht für die verlorenen Träume einer Generation. 

Das Gesamtpaket des Romans besteht in seiner Kritik am Neoliberalismus, und Despentes' Porträts sind Lektionen des Scheiterns. Man muss nicht tief graben, um ihre gewerkschaftliche Sozialisierung aufzudecken: ihre Solidarität nicht nur mit den Armen, sondern auch - intersektionell – mit sozial Marginalisierten wie Migrant_innen und Trans-Personen. »Das Leben des Vernon Subutex 1« ist ein Klagelied für eine Generation, aber auch ein Schmerzensschrei für eine Zukunft, in der man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass junge Menschen gute Linke sind. Überraschenderweise ist es auch ein Zeugnis für die zufällige Solidarität und den Überlebensinstinkt derer, denen sonst alles genommen wurde. 

Wer die Schaubühne regelmäßig besucht, dem wird auffallen, dass die Ostermeier-Inszenierungen der letzten Zeit - »Rückkehr nach Reims, »Im Herzen der Gewalt«, »Jugend ohne Gott« - Bearbeitungen von Prosa-Texten waren. »Dass darunter viele französische Texte sind, ist Zufall«, erzählt er mir, »und einer führt nicht unbedingt zum anderen: Nichts, was ich aus »Im Herzen der Gewalt« gelernt habe, hat mich auf »Das Leben des Vernon Subutex« vorbereitet. Die Struktur des Romans war aufgrund der sich ständig ändernden Erzählperspektive schon dramatisch. Die Herausforderung bestand aber darin, diese Reihe von Monologen auf die Bühne zu bringen, ohne dass es statisch wird. Du wirst merken, dass ein Drittel des Abends aus Musik besteht, was sehr wichtig ist«.

Fast frage ich: »Warum hast du ein Buch ausgesucht, das so schwer auf die Bühne zu bringen ist?« Aber ich erinnere mich, dass Thomas mir mal gesagt hat: »Ich mag das Schwierige!« Ich frage stattdessen: »Warum hast du dich für ›Vernon Subutex‹ entschieden?« 
»Wegen der Grundsituation des Romans von jemandem, der plötzlich ohne Wohnung dasteht. Virginie Despentes gibt diesem Protagonisten die Möglichkeit, verschiedene Milieus, verschiedene Orte und Menschen zu treffen. Mit dieser Konstruktion erschafft sie ein gesellschaftliches Panorama, das an Balzac erinnert. Jede_r Filmemacher_in oder Schriftsteller_in träumt davon, eines Tages das große Ganze erzählen zu können, die Geschichte, die die Einzelnen verbindet, um einen größeren Einblick in die heutige Gesellschaft zu bekommen. Das ist es, was »Vernon Subutex« versucht, unglaublich schön und mit feministischen und transsexuellen Perspektiven, die selten sind«.»Ich habe auch an Balzac gedacht«, sage ich ihm, »Vernon zeigt uns, wie Freund_innen und alte Bekannte sich gegenseitig instrumentalisieren. Freundschaft ist eine Form des sozialen Taktierens. Das ist ein vertrautes Narrativ über Paris …« 

»Ja, aber nicht nur über Paris. Vernon wandert an den Rändern einer Welt der Popkultur, des Glamours und der sozialen Medien, die das Publikum wiedererkennen wird. Es ist eine Welt, die vorgibt, dass jeder, der hart genug kämpft, es schaffen und damit sogar Geld verdienen kann. Das ist eine Lüge. Für unsere Generation gab es noch das Versprechen, dass wir eine gerechtere Welt aufbauen könnten. Aber die Dinge sind heute weniger sozial und viel ungerechter«. 


Das Leben des Vernon Subutex 1

von Virginie Despentes 
Regie: Thomas Ostermeier
Saal A


Pearson's Preview




About

Mit seinen englischsprachigen »Previews« gab Joseph Pearson beim F.I.N.D.#14 den Lesern unseres F.I.N.D.-Blogs erstmals ungewöhnliche Einblicke und Hintergrundinformationen zu den eingeladenen Gastspielen, die auf große und positive Resonanz stießen. Inzwischen hat der promovierte Historiker weitere zwölf Essays und Gespräche zu ausgewählten Premieren der Schaubühne und zu F.I.N.D.#15 geschrieben, die wir auch in deutscher Übersetzung in der Rubrik »Theorie« auf www.schaubuehne.de veröffentlichen.

In der Spielzeit 2015/16 setzen wir die Zusammenarbeit fort: für »Pearson’s Preview« wird er wieder für uns Proben besuchen, Regisseur*innen treffen und ungewohnte Fragen aus dem Blickwinkel eines bloggenden »Universal- gebildeten« und begeisterten Theaterlaien stellen, die – so hoffen wir – die Sichtweise des Publikums erweitern.

Dr. Joseph Pearson kam vor fast einem Jahrzehnt aus New York, wo er an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Columbia University unterrichtete, nach Berlin. Hier ist er nun Dozent für mitteleuropäische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Dependance der New York University und als Publizist tätig. Seit längerer Zeit macht er mit schrägen und klugen Einträgen in seinem Blog »The Needle« (needleberlin.com) – einem der meistbesuchten englischsprachigen Blogs in Berlin – auf sich aufmerksam. 

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